Jede Kuh hat einen Namen

Auch wenn ein Roboter die Fütterung übernimmt und vieles per Computer überwacht wird: Der Kontakt zu seinen Kühen ist Geßler wichtig. 550 Tiere stehen auf seinem Hof.

Altena - Am 1. Juni war Weltbauerntag – Grund genug für einen Besuch auf Altenas größtem Bauernhof. Er gehört dem erst 26-jährigen Landwirt Carsten Geßler. Der ist Manager, Landmaschinentechniker, Zuchtexperte, Tierpfleger, Pflanzenkundler und Ausbilder in einer Person – aus Leidenschaft und Überzeugung. Sein Betrieb zählt zu den größten und modernsten im Kreis.

Es ist 6 Uhr. Gerade bahnt sich die Sonne mit ihren ersten Strahlen ihren Weg über die dichten Wälder, die den Hof umgeben. Die Rinder liegen genüsslich auf der Weide. Die Milchkühe genießen ihr Frühstück und die Hunde erwachen langsam aus ihrem Schlaf. So richtig genießen kann Geßler diesen Anblick nicht. Denn bis zum Frühstück um 9 Uhr gibt es einiges zu tun.

Seine zwei Mitarbeiter und die beiden Auszubildenden sind auch schon im Stall. Während sie die Kälber tränken, die Ställe säubern und das Futter kontrollieren, ist Geßler schon vertieft in die Kuhkontrolle. Denn dass es seinen Kühen gut geht, ist Geßler wichtig.

„Jede Kuh hier ist ein Individuum mit eigenen Bedürfnissen. Und natürlich sind wir auch ein Wirtschaftsbetrieb – aber hier von Massentierhaltung zu sprechen, ist absolut falsch“, betonte Geßler. Jedes seiner Tiere hat übrigens einen Namen. Und so fällt Geßler sofort auf, dass es Sybille heute nicht so gut geht und er nochmal genau nach ihr schauen muss. „Ich weiß, dass nur ein Tier, dem es richtig gut geht, viel Milch geben kann. Insofern geben wir hier täglich alles, um unsere Kühe glücklich zu machen.“

Damit keine durch das Kontrollmuster fällt, helfen Computer. Im Büro des Landwirts, das an den Stall angrenzt, stehen gleich mehrere Bildschirme. Auf einem sind die Bilder der einzelnen Kameras im Stall zu sehen. Auf dem anderen etliche Diagramme und Statistiken. „Eine Kuh frisst in der Regel 45 Kilogramm Futter und trinkt 70 Liter Wasser. Ist sie krank und appetitlos, fällt das sofort auf. Denn bei jedem Melken wird sie gewogen. So können wir direkt handeln und nach ihr sehen“, erklärt der junge Landwirt.

Es war nicht geplant, dass er mit Mitte 20 den großen Betrieb übernimmt. „Eigentlich wollten mein Vater und ich zehn Jahre den Hof gemeinsam führen“, erklärt Geßler. Doch der plötzliche Tod von Peter-Wilhelm Geßler vor zwei Jahren änderte alles. Gerade erst war der Hof erweitert und modernisiert worden. Die Anzahl der Kühe wurde verdoppelt und fortan sorgten Roboter für noch mehr Kuh-Komfort.

„Gott sei Dank hat mein Vater mich schon früh immer mit eingebunden. Ich durfte schon eigene Erfahrungen sammeln und mit entscheiden. Sonst wäre ich dieser Aufgabe so sicher nicht gewachsen gewesen“, sagt Geßler. Er ist schon wieder auf den Beinen. Viel Zeit zum Nachdenken hat er nicht. Und dennoch bleibt Zeit, um kurz zurückzudenken. „Viele waren eher skeptisch als wir so aufgerüstet haben. Aber das ist die Landwirtschaft der Zukunft.“

Doch nun sind die Auszubildenden an der Reihe. Sie sollen mehr über die Fütterung von Kälbern lernen. „Ausbildung ist wichtig. Ich glaube an unseren Beruf – auch wenn es gerade eine Krise gibt. Aber schlechten Zeiten folgen gute Zeiten. Klar, jetzt ist nicht die Zeit für große Sprünge. Aber wir sind für die Zukunft gut aufgestellt.“ In den vergangenen 50 Jahren hat sich der Hof kontinuierlich vergrößert.

Begeistert erzählt der 26-Jährige von seinem Betrieb und der Landwirtschaft. Das ist ihm wichtig. Daher lädt er auch immer wieder Besuchergruppen ein. „Es ist wichtig, den Menschen zu zeigen, wie Landwirtschaft funktioniert. Dass wir zwar groß sind, aber immer noch dieselbe Leidenschaft haben und vor allem, dass jedes Tier für uns wichtig ist und wir es bestmöglich versorgen.“

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