Bernd Erbschloes Kriegsweihnacht

Bernd Erbschloe denkt an Weihnachten in seiner Jugend. Foto: Hornemann

Altena - Denkt Bernd Erbschloe an Weihnachten in seiner Jugend, so ist ihm das Fest im Jahr 1943 in besonderer Erinnerung geblieben. In der Kinderlandverschickung in Böhmen-Mähren erreichte den 14-jährigen Jungen ein Rückreisebefehl: „Vater ist zurückgekommen!“ Da trat Bernd Erbschloe die abenteuerlichste Reise seines jungen Lebens an.

Bernd Erbschloe hatte sich geborgen gefühlt. Zum ersten Mal wieder, nachdem sein Heimatortsteil in Wuppertal ausgebrannt war. „Das Kloster nähe Klattau, in dem wir Kinder untergebracht worden waren, war wunderbar großzügig. Die Nonnen, die wussten kaum, wie man Krieg schreibt. Sie waren sehr lieb zu uns Schulkindern. Und wenn man katholisch war, dann gab’s oft noch einen Apfel mehr oben drauf...“

Bernd Erbschloe bereitete sich nach dem herrlichen Sommer mit Mundharmonika und Gitarre aufs Weihnachtsfest in der Kinderlandverschickung vor und gestaltete Bastel- und Singkreise mit seinen Mitschülern, als ein Telegramm der Kreisleitung Düsseldorf eintraf: Sein Vater war ein unerwarteter Heimaturlaub zuteil geworden. Walter Erbschloe wollte seinen Sohn sehen.

Ein Pferdefuhrwerk brachte den 14-Jährigen, der ein Pappschild um den Hals trug, zum Bahnhof. Am Abend des 22. Dezember traf er in Nürnberg ein. Die Bahnhofsmission des Roten Kreuzes übergab den Jungen gegen Mitternacht einem Feldgendarmen von der Militärpolizei.

Einen Platz im Zug nach Wuppertal gab es für den Heimreisenden nicht. Aber ein Wehrmachts-Urlauberzug hatte sich auf der Fahrt von Belgrad ins Ruhrgebiet so sehr verspätet, dass dort noch eine Chance bestand, den jungen Bernd unterzubringen. Für Zivilisten oder gar unbegleitete Kinder waren diese Züge aber nicht aufnahmebereit. „Die Offiziere haben auf den Zugführer eingeredet, bis er sich erweichen ließ“, schildert Bernd Erbschloe.

Eingepfercht zwischen Soldaten auf dem Weg in den Heimaturlaub verbrachte der Junge seinen Geburtstag am 23. Dezember. Viele von ihnen hatten jugoslawischen Slivovic dabei und waren entsprechend angeheitert. „Aber trotz Angst, Kälte und Enge bin ich zu Heiligabend zuhause gewesen“, erinnert sich der Altenaer.

Auf seinen sieben Jahre jüngeren Bruder Ingolf und Mutter Ilse hatte sich der junge Bernd natürlich gefreut. Wie er seinem Vater gegenübertreten sollte nach all den Jahren der Entfremdung, das war ihm nicht so recht klar. Auch das alte Zuhause stand ja nicht mehr. „Wir hatten zwar eine Wohnung bekommen, aber die war winzig. Deshalb habe ich auch sofort gefragt, ob Vater bleiben würde. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie wir zu viert zusammen leben sollten.“

Weihnachten, das wurde aber doch ein schönes Fest für die wiedervereinte Familie. „Auch mein Vater hatte diesen Schnaps mitgebracht und besuchte damit erstmal meinen Onkel Karl. Natürlich wurde da viel gelacht...“

Bernd Erbschloe ist dankbar für diese Erinnerung. Ihm blieben nur drei Wochen Zeit, sich wieder mit Walter Erbschloe vertraut zu machen. Der Feldrichter wurde wieder zur Wehrmachtstelle eingezogen und fiel 1944 in den Ardennen. „Diese Weihnachtszeit war die letzte, die ich mit meinem Vater verbringen konnte. Deshalb bin ich auch froh, diese Reise gemacht zu haben, obwohl ich sie gar nicht machen wollte“, schildert Bernd Erbschloe heute.

Zu Zügen hat er bis heute ein besonderes Verhältnis. Eine große Miniatureisenbahnanlage zählt zu seinen Lieblingshobbys im Generationentreff Knerling, den er mit Klaus Löttgers ehrenamtlich betreut. Bernd Erbschloe weiß seinen Ruhestand - viele Jahre war er Techniker bei Graetz – in Frieden und Gesundheit zu genießen.

„Wissen Sie, so traurig meine prägendste Weihnachtsgeschichte auch gewesen sein mag – sie hat mich auch stark gemacht. Schocken konnte uns Kriegskinder im Leben nicht mehr viel. Vielleicht kann man das sogar als Happy End betrachten.“

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