Die Geschichte des Luthergeläuts

Diese Glocken, sie hängen im oberen Glockenstübchen, wiegen 2 400 und 1750 Kilogramm. Die größere ist auf Cis, die kleinere auf E gestimmt. Foto: Bonnekoh

Altena - Schummeriges Halbdunkel. Es zieht. Muffiger Geruch liegt in der Luft. Der Wind pfeift und heult. Der Blick geht tastend nach vorn und suchend nach oben. Eine hölzerne Leiter lehnt an der Wand. Vorsichtig, ganz vorsichtig, geht es sechs, vielleicht sogar acht Meter wackelige Stiegen empor. „Wenn das nur hält. Nur nicht abrutschen, nach unten sehen...“ Am Ende der Leiter wegen der Enge des Gebälks noch eine ganze Drehung des Körpers und der Blick ist frei in die erste Glockenstube der Lutherkirche. Sie liegt etwa 34 Meter über der Kirchstraße.

In diesem Raum hängt die schwerste Glocke einsam und allein. Sie wiegt 5 940 Kilogramm und ist auf A gestimmt. Ihr gewaltiger Durchmesser beträgt 198 Zentimeter. Über ihr, in der oberen Glockenstube, schwingen ihre beiden Schwestern, von denen die Totenglocke in Cis steht. Sie wiegt 2400 Kilogramm bei einem Durchmesser von 157 Zentimetern. Die kleinste der Glockenschwestern ist die Betglocke, gestimmt auf E. Sie bringt es auf 1750 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 138 Zentimetern.

Gehört hat jeder Altenaer schon einmal das Geläut der Stadtkirche. Doch die Glocken besucht, sie persönlich gesehen? Wohl eher selten.

Als Hartmut Gehenio noch Baukirchmeister und Presbyter war, hat er immer mal wieder Führungen zu den Glocken angeboten. „Das wurde gut angenommen“, erinnert er sich heute. Jetzt sind die Glockenstuben schon mal geöffnet, wenn die Gemeinde feiert. „Bei Bedarf eben“, so Küsterin Angelika Kilsch. Sie führt den Läuteplan der natürlich elektrisch betriebenen Glocken.

Pfarrerin Merle Vokkert, aber auch Angelika Kilsch, stecken nicht wirklich tief in der Geschichte des aktuellen Geläutes. Einzig eines wissen sie übereinstimmend: 1917, im 1. Weltkrieg, wurden die letzten Bronze-Glocken der Lutherkirche „für Kaiser und Vaterland“ eingezogen und für Kriegszwecke eingeschmolzen. Erst am 28. November 1920 erhielt die Lutherkirche dann ein neues Geläut. Aber nicht aus Bronze, im Turm hängen bis heute Stahlglocken. „Gegossen, vom Bochumer Verein. Bochum 1920“, so steht es als Inschrift auf dem Rund. Auch diese Stahlglocken, denen man nachsagt, ihr Klang sei hart und eben nicht so weich und wohltönend wie ein Bronze-Geläut, tragen die historischen Inschriften, die schon die Bronze-Glocken schmückten, nämlich, große Glocke: „Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren“. Die Totenglocke: „Seid geduldig in Trübsal“ und die Betglocke „Haltet an am Gebet“. In verschiedenen Artikeln unserer Zeitung wurde immer wieder über die Glocken der Lutherkirche und ihre wechselvolle Geschichte in den 1970er Jahren berichtet. Allerdings lag der Schwerpunkt dabei fast immer auf der Enteignung und Zerstörung des heutigen Vorgänger-Geläutes im 1. Weltkrieg. Im Archiv gibt es zudem noch Berichte, die Bezug nehmen auf die Jahre 1657 bis 1660 und 1706 sowie 1737. Darin wird gemutmaßt, dass durchreisende Glockengießer auf dem Bungern für die Kirche eine Glockenspeise anrichteten und sogar ein Meister aus Amsterdam eine Altenaer Glocke hergestellt haben soll.

Eine Altenaerin, die heute in Süddeutschland lebt, hat sich als Forscherin versucht, um Licht ins Dunkel der Glockengeschichte zu bringen. Aber ihre Ergebnisse sind zurzeit nicht greifbar. Wer also die Stahlglocken in Auftrag gab, wer sie abholte, wann und wie sie eingebaut wurden und was sie kosteten, all das ist ein wenig nebulös.

Heute werden die Lutherkirchenglocken täglich um 7, 12 und 19 Uhr geläutet. Nur samstags ertönen sie bereits um 18 Uhr über der Stadt.

An den Aufgaben der Glocken, zum Gottesdienst am Sonntagmorgen oder zu anderen Festzeiten zu rufen, zum anderen bekannt zu geben, wann die Zeit zum Gebet am Tag gekommen ist, hat sich nichts geändert. Das seien natürlich auch an der Lutherkirche die wichtigsten Funktionen, erinnert Pfarrerin Merle Vokkert. In Altena ist es nicht mehr Sitte und Brauch, dass die Stadtglocken darauf hinweisen, wenn ein Gemeindemitglied getauft oder zu Grabe getragen wird. Dennoch: Glocken begleiten die Menschen dieser Stadt mit ihrer Musik nicht nur durch den Tag, nein, irgendwie durch ihr ganzes Leben!

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