Spürbarer Gegenwind für Windkraft auf dem Kohlberg

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Bei Droste war kein Platz mehr frei: Viele Besucher verfolgten die Veranstaltung im Stehen. Zu einer Diskussion in der Schützenhalle war Neuenrades Bürgermeister Toni Wiesemann nach Angaben von Helmar Roder und Thomas Schmitz nicht bereit.

Altena - „Da wurde ein eindrucksvolles Zeichen gesetzt“ – so lautete das Fazit des Evingser Ortsvorstehers Thomas Schmitz. Um die 200 Dahler und Evingser informierten sich am Donnerstag über das Thema Windkraft auf dem Kohlberg. Hier stehen die Ergebnisse des Abends:

Die Gaststätte Droste platzte aus allen Nähten. Viele Besucher fanden keinen Sitzplatz mehr. Immer wieder kam die Frage auf, warum die Versammlung nicht in der Schützenhalle stattfand. Das hatte Toni Wiesemann im Vorfeld abgelehnt – dem Neuenrader Bürgermeister schwebte im Vorfeld so etwas wie ein „Bürgerstammtisch“ vor. Mit einer solchen Resonanz hatte er offensichtlich nicht gerechnet.

Er wurde von mehreren Mitarbeitern begleitet, vor allem sein Bauamtsleiter Marcus Henninger war stark gefordert. Während der geduldig auf zahlreiche Fragen einging, musste sich Joachim Schulenburg, Projektentwickler der Firma SL Windenergie, „aggressives Verhalten“ vorhalten lassen. Die wesentlichen Ergebnisse des Abends...

Welchen Hintergrund haben die Planungen der Stadt Neuenrade?

Henninger schilderte, dass zahlreiche Investoren sich für Windkraftstandorte in Neuenrade interessieren. Weil es sich um so genannte „privilegierte“ Bauvorhaben handele, dürfe im Grunde jeder bauen, wo er wolle. Einziges Mittel dagegen sei die Ausweisung von so genannten Vorrangsflächen. Dieses Verfahren habe die Stadt Neuenrade deshalb eingeleitet und die SL Windenergie mit den entsprechenden Untersuchungen beauftragt.

Warum blieb am Ende nur der Kohlberg übrig?

chulenburg erläuterte, dass eine Reihe „harter“ und „weicher“ Tabufaktoren zu beachten sei: Die Vorrangsflächen müssten Mindestabstände zur Wohnbebauung einhalten, der Artenschutz sei ebenso zu beachten wie der Luftverkehr. Nachdem man das gesamte Neuenrader Stadtgebiet anhand dieser Parameter untersucht habe, sei auch eine bisher vorhandene Vorrangfläche in Affeln passé gewesen. Sie liege im Einzugsbereich eines Funkfeuers der Luftaufsicht, außerdem brüte dort der vom Aussterben bedrohte Schwarzstorch. Übrig blieb neben dem Kohlberg noch ein Höhenzug im Süden des Stadtgebietes, dort stelle der Bau der Windräder aber einen zu gravierenden Eingriff in das Landschaftsbild dar.

Werden tatsächlich sechs bis zu 200 Meter hohe Windräder errichtet?

Mehrfach betonte Henninger, dass das zurzeit laufende Verfahren allein den Flächennutzungsplan betreffe. In ihm wird festgeschrieben, wo Windräder stehen dürfen. Was anschließend passiere, müsse festgelegt werden, sobald Bauanträge vorlägen. Erst dann finde auch eine Bewertung der von den Anlagen ausgehenden Immissionen statt. Zu Detailfragen seien deshalb noch keine Angaben möglich.

Was sehen die Dahler von den Anlagen?

Dieser Punkt blieb strittig. Die SL Windenergie stellte Visualisierungen vor, auf denen von verschiedenen Standorten in Dahle von den Windrädern eher wenig zu sehen war. Den Projektierern wurde vorgeworfen, diese Standorte so gewählt zu haben, dass ein möglichst günstiger Eindruck entstehe. Außerdem zeigte er die Situation im Sommer, oft verdeckten Bäume den Blick auf die Anlagen. Im Winter, wenn die Bäume kahl seien, sehe die Sache anders aus, monierten Bürger.

Wie kommen die Windräder auf den Kohlberg?

Es gibt nach Angaben Schulenburgs drei Möglichkeiten – welche, wollte er zum Unmut der Versammlung nicht sagen. Diese Frage interessiert besonders die Evingser, weil sie durch die Anlage neuer Straßen eine Gefährdung der Springer Quelle befürchten. Allein für den Bau eines Fundamentes müssen im Pendelverkehr um die 100 Betonmischer zur Baustelle fahren, entsprechend große und tragfähige Wege müssen gebaut werden.

Ist die Springer Quelle in Gefahr?

Die geplanten Standorte liegen außerhalb des Schutzbereichs der Quelle. Aber: Bis heute ist nicht genau geklärt, wo deren Wasser eigentlich herkommt. Marc Bunse erklärte, dass die Stadtwerke Altena als Eigentümer der Quelle deshalb Bedenken gegen die Planung angemeldet hätten.

Was ist eigentlich Infraschall und wie gefährlich ist er?

Unter Infraschall versteht man Schall, dessen Frequenz unterhalb von etwa 16 bis 20 Hertz, also unterhalb der menschlichen Hörschwelle, liegt. Windräder erzeugen wie viele andere Elektrogeräte auch solchen Schall. Umstritten ist, wie er sich auf den menschlichen Organismus auswirkt. In Dänemark werden laut eines Berichts der Zeitung „Die Welt“ wegen der Infraschallproblematik kaum noch Windräder gebaut. Die NRW-Landesregierung hingegen beantwortete eine entsprechende Anfrage des CDU-Abgeordneten Thorsten Schick so: „In den der Landesregierung bekannten wissenschaftlichen Studien konnte bisher kein Nachweis einer negativen gesundheitlichen Auswirkung von Infraschall unterhalb der Wahrnehmungsschwelle erbracht werden“.

Was ist mit den hörbaren Geräuschen?

Die meisten Bereiche des Dorfes Dahle sind als Wohngebiet ausgewiesen. Dort ist nachts ein Schallpegel von 40 Dezibel einzuhalten. Das entspricht der Lautstärke eines normalen Gesprächs. Das Neubaugebiet neben der Schule ist planungsrechtlich ein „reines Wohngebiet“, in dem nur 35 Dezibel zugelassen sind.

Kann man nicht auch kleinere Windräder bauen?

Sowohl Helmar Roder als auch Wilfried Bracht wiesen mit Daten aus dem „Windatlas“ der Bezirksregierung nach, dass auf dem Kohlberg gar nicht so viel Wind weht. Sei ein Windrad dort „nur“ 150 Meter hoch, sei es nicht wirtschaftlich zu betreiben. Die Stadt Neuenrade plant deshalb nicht, im Flächennutzungsplan eine Höhenbeschränkung festzuschreiben.

Auf welchen Zeithorizont müssen sich die Bürger einstellen?

Neuenrade will die Änderung des Flächennutzungsplans möglichst im kommenden Jahr abschließen. Bracht vermutet, dass die Zeit wegen sich abzeichnender Änderung des Energieeinspeisegesetzes drängt: Bei Anlagen, die nach 2017 errichtet würden, flössen Subventionen für den Windstrom nicht mehr im heute üblichen Maß. Dann rechne sich der Bau der Windräder auf dem Kohlberg nicht mehr.

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