Mit 119 Jahren noch auf die Minute genau

+

Altena - Die handgeschmiedete Kurbel hat ausgedient. „Da, nehmen Sie sie ruhig mal in die Hand“, sagt Angelika Kilsch, Küsterin der Lutherkirche und gibt das Arbeitsgerät weiter. Hoppla, drei, vier Kilogramm bringt das Werkzkeug schon auf die Waage, zieht Hand und Arm nach unten.

Mit diesem Stück wurde noch bis vor 20 Jahren regelmäßig einmal die Woche die 1896 von der renommierten Turmuhrenfabrik und Glockengießerei J. F. Weule aus Bockenem im Harz gefertigte Turm-Uhr aufgezogen. „Dann hat die Gemeinde sich entschlossen, den historischen Zeitmesser elektrifizieren zu lassen“, erläutert die Küsterin.

Von außen betrachtet liegt das Uhrenhaus im Turminnern etwa in Höhe des zweiten kleinen Fensters, das am weiß getünchten Turm so ein bisschen aussieht wie eine Schießscharte. Selten, dass Kilsch heute die Uhr im Kirchturm besucht. „Kontrollgänge sind an sich auch nicht mehr nötig, die Wartungen sind festgeschrieben“, sagt die Frau und erzählt sogleich von großen und kleinen Rädchen und den mächtigen Ziffernblättern an den Außenmauern des Turmes sowie im Innern der Lutherkirche.

Ja, das ist schon besonders: Der Pfarrer hat im Kircheninnern die Uhr im Blick. Kostbar ausgestaltet ist das Ziffernblatt, das seinen betreuten „Schäfchen“ in der Regel verborgen bleibt, weil es an der Innenwand gegenüber des Altars im Halbdunkel klebt und nicht so ohne weiteres „normal“ eingesehen werden kann. Denn die Gläubigen sitzen ja in Blickrichtung Pfarrer. „Vielleicht“, so habe mal ein Gottesdienstbesucher geunkt, sollte der ständig mögliche Blick auf den Zeitmesser den Priester mahnen, nicht zu lange zu predigen“, sagt Angelika Kilsch und zieht die Schultern fragend hoch.

Doch zurück zur Turmuhr. Die umgibt eine Art Turmuhrenhäuschen: Wie ein Stall klebt im Innern des Turmes der Lutherkirche ein hölzernes Haus um die mächtige Uhr der Firma J. F. Weule. Erst wenn der Besucher gebückt durch eine schräg in den Angeln hängende kleine Eingangstür ins Uhrenhäuschen tritt, wird das technische Wunderwerk aus Rädern, Rädchen, Schrauben, Metall und Gewinden sichtbar. Meisterhaft haben die Uhrmacher von Weule gearbeitet, so genau und präzise, dass die Uhr der Lutherkirche nicht nur immer noch exakt die Zeit anzeigt, sie funktioniert auch nach 119 Jahren noch immer einwandfrei und tickt und tickt und tickt. Das ist ein Geräusch, das natürlich nicht durch die dicken Mauern des Turmes der Lutherkirche dringt, jeder aber vernimmt, der vor dem Uhrenhäuschen steht.

Vielleicht drei Meter lang, 90 Zentimeter breit und durchaus zwei Meter hoch ist das offene Uhrengehäuse. Unablässig drehen sich Rädchen, surrt und schnurrt es – eben wie ein Riesenuhrwerk nun mal seinen Dienst verrichten sollte. Stäbe führen aus dem Uhrenhaus heraus – zum Zifferblatt an der Frontseite des Turmes und hinunter in den Kirchenraum, zum Priester-Zifferblatt. Regelmäßig wird die historische Anlage gewartet, sauber gehalten. „Routine“, sagt Küsterin Angelika Kilsch, die sich aber nach eigener Aussage auch nicht von der Faszination dieser Uhr trennen kann. „Das ist schon Besonders“, sagt sie und hat damit zweifellos Recht.

Ein paar Worte zum Lieferanten der Uhr: Die Turmuhrenfabrik J. F. Weule gibt es nicht mehr. Anno 1966 stellte sie ihre Produktion in Bockenem ein. Allerdings verfügt der Ort über ein Uhrenmuseum und dort ist auch alles Wissenswerte über den Kauf und die Turmuhr der Lutherkirche zu Altena noch heute nachzulesen. Weule war es, der die Mechanik so weiterentwickelte, dass jede von ihm gelieferte Uhr nur noch wöchentlich und eben nicht mehr täglich aufgezogen werden musste. Sein Werk war vor dem 1. Weltkrieg einst größter Arbeitgeber in Bockenem – seine Kinder und Enkel befassten sich später noch mit Dampfmaschinen, der Installation von Elektrizität und der Entwicklung einer modernen Zentralheizung. Mitte der 1950er Jahre ging die Turmuhrenfabrik und Glockengießerei J. F. Weule in Konkurs und wurde von der Wilhelmshütte in Bornum übernommen.

Sollten jetzt einmal Teile der von außen unsichtbaren, aber seit 1896 zuverlässig die Zeit anzeigenden Lutherkirchen-Turmuhr zerbrechen oder defekt werden, bliebe wohl nur die Handarbeit eines Tüftlers, um sie wieder in Gang zu setzen. Aber davon will niemand reden oder es herauf beschwören. Das J. F. Weules-Werk ist einfach Qualität – deutsche Wertarbeit eben!

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare