Mutmaßliches Menschenraubopfer will Angeklagte nicht belasten

Altena -  „Gemeinschaftlicher erpresserischer Menschenraub“ – schwer wiegt der strafrechtliche Vorwurf gegen zwei Altenaer (28 und 23), die einen 24-Jährigen vom Markaner zum Pragpaul entführt, dort misshandelt und 800 Euro von ihm gefordert haben sollen.

Das mutmaßliche Opfer ließ am ersten Verhandlungstag allerdings kaum erkennen, dass es ein Interesse an der Bestrafung der beiden Männer hat. Was bei den polizeilichen Vernehmungen noch nach einer halbwegs schlüssigen Geschichte geklungen hatte, verflüchtigte sich gestern vor dem Landgericht in Ratlosigkeit, Schulterzucken und vielen Wiederholungen des Satzes „Ich erinnere mich nicht mehr“.

Einen möglichen Grund für seine umfassende Amnesie lieferte der Zeuge gleich mit: Der 23-jährige Angeklagte sei sein Freund. Daran schien sich trotz der Übergriffe am Pragpaul nichts geändert haben.

Ein Menschenraub setzt ein deutliches Signal des Entführten voraus, dass er dort bleiben möchte, wo er ist. Dass es daran gemangelt hatte, bestätigte sogar ein weiterer Zeuge, der das „Einsteigen“ des 24-Jährigen in den 3er BMW eines der Angeklagten beobachtet hatte. Einiges spricht dafür, dass es am Sportplatz dann tatsächlich zu einer gewissen Gewalteinwirkung von mindestens einem der Angeklagten auf das Opfer kam: „Ich habe ihn direkt an der Jacke gepackt, zu Boden geworfen, war mit einem Knie auf seiner Schulter und habe ein paar Takte zu ihm gesagt“, bestätigte der 28-Jährige den gemeinsamen Ausflug.

Allerdings bestritt er die Körperverletzung: „Ich habe ihn nicht geschlagen.“ Auch von einer Freiheitsberaubung könne keine Rede sein. Die Anzeige gehe weit über eine angemessene Reaktion hinaus: „Dann läuft da so ein kleiner Papagei rum, der die ganzen Gerüchte in die Welt setzt“, spottete der ältere Angeklagte.

Warum aber gerieten die „Freunde“ überhaupt aneinander? Bei der Polizei hatte der Geschädigte noch erzählt, dass die beiden Angeklagten ihn für den Weiterverkauf von verbotenen Aufputschmitteln hätten gewinnen wollen. Als er das abgelehnt habe, hätten sie am Pragpaul und bei weiteren Gelegenheiten eine Entschädigung in Höhe von 800 Euro von ihm verlangt, weil sie auf den Drogen sitzengeblieben waren. Staatsanwalt Nils Warmbold zeigte sich allerdings wenig geneigt, diese ursprüngliche und nun auch noch systematisch vernebelte Erklärung zu glauben: „Das ist eine ganz eigenartige Geschichte mit dem Sitzenbleiben auf den Drogen.“ Unwahrscheinlich sei sie auch deshalb, weil es leider kein Problem sein dürfte, auf dem Drogenmarkt in Altena 100 Gramm „Pep“ und Amphetamine abzusetzen. Zu klären waren diese offenen Fragen durch das merkwürdige Aussageverhalten des Hauptbelastungszeugen nicht. „Wir haben das Problem, dass wir hier sehr freundlich miteinander umgehende Personen haben“, sagte eine recht ratlose Richterin Heike Hartmann-Garschagen.

Der Prozess wird Mittwoch ab 9.30 Uhr fortgesetzt.

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