Demenzberatung für Familien aus der Türkei

Anette Wesemann (Stadt Altena, links), und Pflegewissenschaftlerin Tanja Segmüller standen nach dem Film „Das Herz vergisst nicht“ noch für Gespräche zur Verfügung.  Foto: Krumm

Altena - Demenz und Alzheimer – das sind Themen, die auch ausländische Mitbürger betreffen. Deshalb hatte das Projekt „Unterstützung pflegender Angehöriger“ in Person von Anette Wesemann (Stadt Altena), Pflegewissenschaftlerin Tanja Segmüller und Pflegeberater Ulli Berger türkische Mitbürger zu einer Informationsveranstaltung in die Burg Holtzbrinck eingeladen.

Im Zentrum stand ein vom Medienprojekt Wuppertal erstellter Film über zwei demenzkranke türkische Frauen in Gelsenkirchen, die von ihren Töchtern gepflegt werden. Der Titel „Das Herz vergisst nicht“ ergänzte die Erkenntnis einer pflegenden Tochter über den Verlust geistiger Kräfte: „Das Hirn ist hin, das Gedächtnis ist weg, doch das Herz vergisst nicht.“

Zwei Frauen mit zwei sehr unterschiedlichen Krankheitsbildern zeigte der Film: Während die eine noch mobil ist und über gewisse geistige Fähigkeiten verfügt, ist die andere ein 100-prozentiger Pflegefall. „Seit 16 Jahren kämpft sie mit der Krankheit Alzheimer, seit drei Jahren ist sie bettlägerig, seit einem Jahr spricht sie nicht mehr“, erzählt ihre Tochter die großen Stationen der Krankengeschichte. Hier ist eine Qualität von Pflege gefragt, die die Möglichkeiten heimischer Betreuung eigentlich übersteigt. Und doch ist es die Tochter dieser Frau, die sie aufopferungsvoll zuhause pflegt – trotz aller Bekenntnisse, dass die Belastung innerhalb der Familie auf möglichst viele Schultern verteilt werden muss.

Ihre Schultern haben der Belastung nicht mehr standgehalten: Als „Dank“ für ihr unermüdliches Engagement muss sie sich noch Gedanken darüber machen, ob sie mit chronischen Rückenbeschwerden und gesundheitlich angeschlagen nach dem Tod der Mutter überhaupt noch ins Erwerbsleben zurückkehren kann. „Ich will meine frühere Mutter zurück“, sagt sie, und doch gibt es gefühlsmäßig für die Tochter keine Alternative zu dieser Pflege und das nicht nur, weil der Islam die Pflege der Eltern vorschreibt.

Die Enkelin hofft auf einen Job, steht mitten im Leben und sieht sich doch in der gleichen Pflicht: „Wenn wir so einen Fall in der Familie hätten, würde ich es genauso machen.“ Sehr liebevoll gehen die Angehörigen in beiden betroffenen Familien mit den dementen Müttern um – gemäß der Devise: „Jahrelang hast du mich so gefüttert – jetzt bin ich an der Reihe.“ Die Männer sehen das eher nicht so: Einer der beiden hat sich sogar in die Türkei abgesetzt.

Für anschließende Gespräche lieferte der Film viele Ansätze: Wie kann frühzeitig verhindert werden, dass sich Angehörige mit einer Pflege chronisch überfordern? Wie setzt man eine angemessene Einstufung durch die Pflegeversicherung durch? Keine Angst vor Widersprüchen, und zur Not den Weg zu den Sozialgerichten nicht scheuen, lautete die Auskunft der Experten. Dazu gab es Hinweise auf die Angebote in Altena – eine Demenzgruppe entlastet Angehörige für ein paar Stunden pro Woche. Anette Wesemann organisiert zudem ehrenamtlich getragene Angebote, die betroffene Familien entlasten können. Tanja Segmüller, Mitarbeiterin des Departments für Pflegewissenschaften der Universität Witten-Herdecke unterstützt beratend das lokale Projekt zur Unterstützung pflegender Angehöriger. Thomas Krumm

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