Musikalische Annäherung an die Sterbestunde Jesu

Karolina Brachmann (Sopran), Christine Wehler (Alt) und das Soloquartett des „Historischen Orchesters Katowice“ spielten unter der Gesamtleitung von Johannes Köstlin. Foto: Salzmann

Altena - Aus Sicht Marias, die „mit zerrissnem Herzen unterm Kreuz des Sohnes steht“, betrachtet Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) in seinem berühmten „Stabat Mater dolorosa“ das Kreuzigungsgeschehen. Er selbst stand – an Tuberkulose erkrankt - an der Schwelle des Todes, als er das meist gedruckte Musikstück des 18. Jahrhunderts schrieb.

Mit 26 Jahren raffte ihn die Krankheit dahin. Das „Stabat Mater“, das am Karfreitag in der Lutherkirche im Mittelpunkt einer ergreifenden „Passionsmusik zur Sterbestunde Jesu“ stand, gilt als sein letztes Werk. Die Passionsmusik sei kein Gottesdienst und kein Konzert, vielmehr eine „Einladung, innezuhalten und sich dem unfassbaren Geschehen zu nähern“, erklärte Kantor Johannes Köstlin, der selbst als Organist am schmerzlich berührenden Singen und Musizieren beteiligt war, einführend.

Es gelte, den Tod eines Menschen und den Schmerz der Mutter auszuhalten. Dem Anlass gemäß verbaten sich die Ausführenden jeglichen Applaus. Bei freiem Eintritt - am Ausgang wurde stattdessen um eine Spende gebeten - erlebten die Zuhörer in der gut besuchten Kirche eine im besten Sinne des Wortes bewegende Stunde.

Als Ausführende brachten Karolina Brachmann (Sopran) und Christine Wehler (Alt), ferner ein Soloquartett des „Historischen Orchesters Katowice“ den Besuchern die alte, von Schmerz und Leid durchzogene Musik des Nachmittags nahe. Auf alten Instrumenten spielten die Virtuosen aus Polen in der Besetzung Martyna Pastuszka (erste Violine), Malgorzata Malke (zweite Violine), Dominika Malecka (Bratsche) und Bartosz Kokosza (Violoncello) auf. Über das geistliche Lied „Stetit Jhesum“ aus dem „Liederbuch der Anna von Köln“ (um 1500) und Ausschnitte aus Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ – zu hören Contrapunctus 1 und 2 – führte der musikalische Weg zum Stabat Mater und damit direkt nach Golgatha.

Dass sich Pergolesi und Bach kannten, Bach das Stabat Mater sogar adaptierte, ließ Johannes Köstlin wissen. Durch den schmerzlichen Tenor waren alle Werke der Passionsmusik, die die Ausführenden einzeln und bei Pergolesi in großer Besetzung aufführten, innerlich miteinander verbunden. Großartige Interpretinnen mit wohlklingenden Stimmen und bemerkenswerter Ausdruckskraft lernten die Besucher in Karolina Brachmann und Christine Wehler kennen.

Mit dem Lied aus dem alten Liederbüchlein der Begine Anna von Köln, in dem es um Jesus vor Pilatus ging, bereiteten beide in bittersüßem Gesang auf das Leiden und Sterben Jesu vor. Stilsicher und transparent arbeiteten die Musiker aus Katowice, die harmonisch miteinander musizierten, bei Bach die stilistischen Eigenarten des kontrapunktischen Spätwerks heraus.

Innerste Saiten brachten alle Ausführenden mit dem Requiem der Maria, von Pergolesi in ergreifende Musik umgesetzt, zum Klingen. Der demütige Ausklang der Passionsmusik gehörte der Orgel und Bach. Mit dem Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ entließ Johannes Köstlin die Gläubigen in die Stille.  

Von Monika Salzmann

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