Unterlagen besser ab sofort abholen

Altena bald ohne Kinderarzt - Markus Bock schließt Praxis

Kinderarzt Markus Bock geht in den Ruhestand. Foto: Bonnekoh

Altena -  In den vergangenen Jahren hat Kinderarzt Markus Bock „so ziemlich alles versucht“. Wenn bis zum 31. März 2016 nicht noch ein kleines Wunder passiert, hat Altena keinen praktizierenden Kinderarzt mehr. Dann ginge eine mehr als 70 Jahre alte Ära zu Ende.

„Das ist schade, aber ich habe die Altersgrenze erreicht und möchte mich jetzt meinem Privatleben widmen“, erläutert der Mediziner. Er hat schon vier Enkel, Nummer fünf ist unterwegs: „Ganz besonders für die Kinder möchte ich mehr Zeit haben.“

Seit 15 Jahren hat Bock zunächst am Markaner, seit 2004 im Ärztehaus an der Kirchstraße 14, praktiziert. Mehr als 12 000 kleine Patienten seien es wohl gewesen, die er in dieser Zeit ärztlich betreut und versorgt hat, schätzt er. Ein Kinderarzt darf Jungen und Mädchen bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres behandeln. „Das kommt zwar nicht so häufig vor, aber bis zur so genannten J-1-Untersuchung, die der Gesetzgeber um das 15. Lebensjahr vorgeschrieben hat, waren viele bei uns im Haus“, sagt Bock.

Nachfolger-Suche blieb erfolglos

Neben zahlreichen Annoncen im Ärzteblatt und Fachzeitschriften hat er sogar einen Head-Hunter (deutsch etwa Personalvermittler oder Personalberater) gegen gutes Honorar engagiert, der für ihn einen Nachfolger in die Stadt holen sollte. „Leider hat das nicht funktioniert“, sagt der Arzt.

Bevor er nach Altena kam, war er über 20 Jahre in derKinderklinik in Lüdenscheid tätig, zuletzt als Oberarzt. Auch das seien sehr schöne Jahre gewesen, resümiert er. „Mir liegen einfach diese Patienten, schon von der Größe her“, sagt er augenzwinkernd.

Kinderarzt sei er lebenslang aus Leidenschaft gewesen. Die Ausbildung ist umfangreich: Auf das sechsjährige Studium folgen noch einmal fünf Facharztjahre, und auch die Investitionen, die dann in eine eigene Praxis zu stecken seien, seien nicht unerheblich.

Probleme auch in Werdohl

Warum niemand nach Altena kommen wollte, dafür hat der 65-Jährige folgende Vermutungen: „Viele junge Ärzte wollen nicht mehr allein arbeiten. Sie ziehen auch die Großstädte vor und arbeiten häufig als Angestellte.“ An der Arbeit im Lennetal könne es nicht liegen. Der Patientenbestand sei gesund, umfasse neben Altena natürlich das Lennetal mit Letmathe, Neuenrade, Werdohl, ja sogar Lüdenscheid. Allein im dritten Quartal habe er circa 1 200 Patienten behandelt und betreut. Besonders prekär findet Bock, dass auch ein Kollege im benachbarten Werdohl vor ähnlichen Nachfolge-Problemen stehe. „Da sieht es auch so aus, dass ihm niemand folgt“, sagt er.

Auf die kleinen Patienten kämen jetzt weite Wege zu, mutmaßt Markus Bock. Natürlich könne man nach Letmathe, Werdohl oder Schalksmühle fahren, keine Frage. Aber das sei oft auch eine Organisations- und Zeitherausforderung.

Als persönliche Meinung fügt er an, die Stadt müsse vielleicht etwas Fantasie aufbringen, wenn ihr ein Kinderarzt am Ort wichtig sei. Damit spielt er auf mögliche finanzielle Anreize (Prämie) durch die Kommune an, wohlwissend, dass Altena als Haushaltssicherungsgemeinde in dieser Richtung wohl eher die Hände gebunden sind. Ohne anderen ärztlichen Kollegen, die natürlich auch „kleine Patienten“ behandeln dürfen auf die Füße treten zu wollen, sagt Markus Bock: „Die Versorgung von Kindern gehört in die Hände von ausgebildeten Kinderärzten. Das ist für eine Stadt außerordentlich wichtig.“

Sieben Mitarbeiterinnen müssen sich jetzt aus seiner Praxis einen neuen Arbeitgeber suchen, auch das sei ein Aspekt, den es zu bedenken gebe, sagt der scheidende Mediziner.

Der Gesetzgeber verlangt, dass ärztliche Unterlagen zehn Jahre lang archiviert werden müssen. „Ich biete allen Patienten und ehemaligen Patienten an, sich jetzt bereits ihre Unterlagen und Akten bei mir in der Praxis abzuholen. Ich werde von Altena verziehen. Nach dem 31. März 2016 könnte es mit dem Aushändigen dann schon ein bisschen schwieriger werden.“

Auch ein Bild wird Geschichte

Wenn Markus Bock am 31. März 2016 zum letzten Mal den Schlüssel im 2. Obergeschoss an der Kirchstraße 14 bis 16 umdreht, ist auch ein besonderes Bild in der Praxis Geschichte. Im Flur, genau gegenüber der Eingangstür, hängt das von Gertrud Caspari gestaltete Bild „Der Geburtstagskuchen“. Markus Bock dreht es kurz um: „Dieses Bild hing zuerst in der Praxis von Dr. Lüke, und zwar vom 7. Februar 1946 bis zum 1. Juli 1952, danach in der Praxis von Dr. Stötzel bis 1977. Der gab es weiter an Dr. Anna Anemüller, die mit Dr. Ursula Möhling vom 10. April 1978 bis Januar 1988 eine Gemeinschaftspraxis betrieb.“ Markus Bock übernahm es, als er 2001 Nachfolger der beiden Ärztinnen wurde.

Bock ist es wichtig, allen Eltern für ihr Vertrauen zu danken. Das hat sich der Mediziner in all den Jahren seines Wirkens auch bei den „Kleinen“ erarbeitet. „Ich habe nie einen Arztkittel getragen. Es war mir immer wichtig, dass niemand Distanz oder Angst vor mir aufgebaut hat“, sagt er. Und dann, ja dann wird die Stimme doch etwas wehmütig.

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