Faszination Stricken erlebt einen Boom

Strick mit: Eins links, eins rechts, eine fallenlassen

Lachen, scherzen und stricken: Das gehört für die Mittwochs-Runde in der „Lennewolle“ dazu. Von links: Brigitte Köhler, Waltraud Wilke, Geschäftsinhaberin Birgit Saleina, Brigitta Hörnig und Jutta Blau. JFoto: Bonnekoh

Altena -   „Meine Tochter hat immer kalte Füße. Da hatte ich die Idee, ihr zum Geburtstag von mir gestrickte Socken zu schenken. Das ist gut angekommen und seit diesem Tag bin ich im Familiengeschäft.“ Jutta Blau formuliert ihren Einstieg ins Stricken und das Beschäftigen mit Wollfaden und -Nadel etwas flapsig. Doch eines steht für die Altenaerin fest: „Stricken ist einfach schön. Ich möchte sogar sagen super.“

Woche für Woche strickt sie. Für sich allein, aber auch in Gemeinschaft. „Weil das noch mehr Spaß macht“ und kommt deshalb jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr ins Fachgeschäft „Lennewolle“ von Birgit Saleina an die Lennestraße 80.

Hier sitzt auch Brigitta Hörnig an diesem gewöhnlichen Stricktreff-Mittwoch Seite an Seite neben ihr. „Ich stricke gerne, nicht aus Langeweile. Es macht mich einfach ruhiger und entspannt“, erläutert sie ihre Beweggründe. Mal sind es ein halbes Dutzend, mal auch mehr Frauen, die „altes Schulwissen vom Stricken wieder auffrischen“, wie es Brigitte Köhler tut oder einfach einem Hobby nachgehen, „weil es mich seit meinem 14. Lebensjahr begleitet.“ Das sagt die ehemalige Kindergärtnerin Waltraud Wilke, die auch bei der Betreuung ihrer Schützlinge einst auf Natur – und nichts anderes ist das Naturprojekt Wolle ja – oft zurück griff. Alle sitzen um einen runden Tisch, haben ihre Nadeln und die Wollknäuel mitgebracht. Und Zeit. „Immer so um die zwei Stunden“, sagt Birgit Saleina lachend. „Die nehmen wir uns schon.“

„Eins links, eins rechts, eine fallenlassen!“ – wohl jeder kennt diesen Spruch über das Stricken, dabei ist er reiner Unsinn. Geschäftsfrau Birgit Saleina: „Wer eine Masche fallen lässt, hat unwillkürlich ein Loch...“ und ihre Damen lachen zustimmend. Auch heute stehen wieder Mineralwässer und Säfte auf dem Tisch. Brigitte Köhler und Waltraud Wilke haben zudem leckeres Knabbergebäck mitgebracht. „Nur für zwischendurch. Das stärkt uns. Es ist eben in erster Linie immer gemütlich, wenn wir zusammen kommen. Man redet, tauscht sich aus – und strickt so nebenbei“, lacht Jutta Blau. Sie nickt, als Lennewolle-Chefin Birgit Saleina die Faszination Stricken auf diesen Nenner bringt: „Wir leben in einer Zeit, in der wir kaum noch etwas selbst herstellen. Das ist beim Stricken von Socken, Schals, Mützen oder Decken ganz etwas anderes. Da hat man sein eigenes Produkt später in der Hand. Ein tolles Gefühl.“ „Stricken ist kein Geheimnis“, sagt Brigitta Hörnig und kann sich vorstellen, „dass künftig auch mal deutlich mehr Männer mit den Nadeln hantieren.“ Da muss sich der Autor dieser Zeilen an seine eigene Kindheit erinnern. Strickliesel hieß das bunte runde Teil damals, das Anfang der 1960er Jahre im 4. Schuljahr im Kunst- und Werkunterricht für Jungen und Mädchen zwingend vorgeschrieben war. Regelrechte Wollewürstchen wurden damit gestrickt und später zusammen genäht. Ich weiß noch ganz genau, dass daraus bei mir ein Muttertags-Küchenhandschuh wurde. Aber ehrlich: Ohne die heimliche Hilfe der betagten Großmutter, damals, ich hätte es wohl nicht geschafft. Bei Mama hatte ich an ihrem Ehrentag und lange später noch sooooooo einen Stein im Brett ob meiner Fleißarbeit aus der Grundschule.

Heute, wo das Stricken Land auf und ab eine Art Renaissance erlebt, ist übrigens erlaubt, was gestrickt werden kann. Selten ist man den Schöpfungen der Modemetropolen näher als dann, wenn man selbst die Nadeln klappern lässt. Dass der Strickboom wiederkommt, hat man zuerst auf den Laufstegen gesehen. Die mageren Models in überdimensionalen Kreationen, die jungen Zickzackmuster jenes Labels, das sogar Ex-Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf ausstattet. Hoch lebe die Wiederkehr der Wolle in voller Microfaser-Pracht, bei der die Noppen sogar schon am Faden hängen - da ist es an der Zeit, die Nadeln wieder aus jenem letzten Knäuel zu ziehen, mit dem zusammen sie vor Jahren im Schrank verschwunden sind. Der Boom ist wieder da – heute sieht man Schülerinnen im Unterricht stricken, in Bus, Bahn und U-Bahn sitzen wo sie sich zählend ein paar Zentimeter weiter durchs Norwegermuster kämpfen bis sie ihre Haltestelle erreichen. Jetzt ist das wieder schick. Längst vergessen geglaubte Fertigkeiten von Aufnehmen bis Zopfmuster, von Fallmaschen und betonten Abnahmen werden wiederbelebt.

„Wer einmal selbst gestrickte Socken getragen hat, kommt nicht mehr davon los.“ Jutta Blau kennt die Sucht, die manchen Handarbeiten innewohnt. Ihre Tochter hat eben nie mehr kalte Füße dank Mamas fleißigem Nadelklappern. Lennewolle-Chefin Birgit Saleina ist offen für weitere Interessierte und ihre Mitstrickerinnen der Mittwochsrunde sind es auch. Wer den klassischen Einstieg über den Schal als Weinachtsgeschenk oder Socken mache, werde gewiss bald mutiger, sich auch an größere Stücke zu wagen. „Trauen Sie sich. Nachhilfe gibt es gratis und wir sind eine wirklich tolle Truppe!“

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