Kunstmalerin Sahar al Hendi sucht Beschäftigung

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Ihren Freund malte Sahar al Hendi von einem Handyfoto ab, das sie mit nach Deutschland nahm.

Altena - Tapeten gibt es nicht in der Wohnung. Nichts als kahle, graue, ungepflegte Wände. Nur hier und da klebt noch etwas von der alten Tapete auf dem stoppeligen Untergrund. Sahar al Hendi hat sich nicht damit abgefunden. Genau diese Stellen an den Wänden in ihrer Gemeinschaftswohnung an der Bachstraße 59 im Haus gleich neben der Feuerwehr hat sie aus Not selbst gestaltet: Bemalt und geschmückt mit eindrucksvollen Bildern in Öltechnik oder als Bleistiftzeichnung.

„Ich komme aus Syrien“, erzählt die 25-Jährige. Seit November lebt sie in der Burgstadt, möchte hier oder in Deutschland so lange leben, „bis wieder Frieden ist zuhause.“ Allein ist sie, einige Freunde, wie sie aus Damaskus, sind ihre nächsten Bezugspersonen. „Meine weiteren Verwandten sind in Schweden. Sie versuchen, wie ich hier, Asyl zu erhalten.“

„Cry“ - Schrei! – immer wieder sind es besonders traurige Gesichter oder Portraits, die die 25-Jährige anfertigt.

Bitter klingt das alles nicht, ganz im Gegenteil. Die Künstlerin, die angibt, sie habe zu Hause die Kunsthochschule im Fachgebiet Illustration und Dekorationsmalerei abgeschlossen, lacht oft und gern. Ganz anders aber der überwiegende Ausdruck in ihren wenigen Bildern, mit denen sie sich umgeben hat. Bilder, die sie auf die nackten Wände malte oder besser kratzte, und die, die auf minderwertigem Papier entstanden. Durchweg zeigen sie Personen, meist Portraits, die von Traurigkeit gezeichnet sind. Oft laufen Tränen aus den Augen der Frauen und Männer. Auf das Warum sie genau dies festhalte, meint al Hendi: „Ich mag diese Art der Darstellung sehr und in den Augen des Menschen sieht man immer die Wahrheit.“

Auf nackter Wand und den zerfransten Tapetenresten ein Bild Jesu Christi.

Direkt über einer Schlafstelle in der Mehrpersonen-Wohnung, die die Stadt bereitstellte, ist Jesus Christus auf die Wand gemalt. Und hier wird deutlich, was Sahar al Hendi mit „den Augen“ meint. Der von einer Dornenkrone gequälte Messias, dem das Blut über das Gesicht strömt, hat seine Augen, gütige Augen, weit geöffnet. Sie strahlen förmlich das Gegenüber an.

Erneut Studieren

Sahar al Hendi möchte in Deutschland erneut ein Studium der Freien Kunst aufnehmen. Wie das gehen soll, ob sie es schafft, weder sie selbst, noch ein guter Freund, der beim Dolmetschen hilft, wagt eine Prognose. Hier, in ihrer neuen Heimat auf Zeit, müssten erst einmal ihre Zeugnisse anerkannt werden. Aber sie hatte bei der Ankunft so gut wie nichts dabei... Fragen bleiben, Ungewissheiten und Sorgen.

Auf Zeitungspapier statt auf Leinwand, weil zu teuer, entstand das Bild dieser weinenden Frau.

„Sahar al Hendi hat zu Hause Wände an Schulen gestaltet. Oft Micky Maus oder andere Disney-Figuren sogar gesprayt“, übersetzt ihr Wohnungsgenosse. Er kann sich vorstellen, dass sie hier Auftragsarbeiten übernehmen würde. „Wie sagt man?“, kramt er nach der richtigen Vokabel, „vielleicht eine Wand, eine Autowand (gemeint ist ein Garagentor) gestalten?“

"Hier ist es schön"

Bringt Leben auf eine tapetenlose, triste Wand über dem Bett: Gesicht aus Kaffeeresten, Weintropfen und Zigarettenasche.

Johannes Köstlin, den sowohl Sahar al Hendi als auch ihr Zimmernachbar schätzen und der die beiden helfend unterstützt, möchte, dass sie Fuß fasst in Altena. „Ich fühle mich wohl, möchte Deutsch lernen und arbeiten. Viel arbeiten...“ Wie man ob einer solchen Wohnung – auch wenn es bekannt war, dass die Stadt nur Wohnraum, aber nicht Bodenbeläge und Tapeten stellt, kreativ sein kann, bleibt wohl al Hendis Geheimnis. „Meine Ideen gehen mir nicht aus“, sagt sie wieder lächelnd. „Hier ist es einfach schön. Ich spreche mit Menschen, tausche mich aus und erhalte so meine Ideen und Inspirationen für meine Bilder.“

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