Kirche hinterfragt Flucht und Vertreibung

Timothy Bendipo Beyemga (rechts) schilderte seine Flucht aus Ghana auf englisch. Über seinen Asylantrag ist noch nicht entschieden.

Altena - „Das rote Sofa ist kein heißer Stuhl“, stellte Pfarrer Ulrich Schmalenbach fest, nachdem Christiane Frebel und Stefan Kemper am Sonnatg (19. April) einfühlsam mit ihren drei Gästen über Glauben und Heimat gesprochen hatten.

Als sie ihren Ehemann kennengelernt und in die Kirchengemeinde integriert gewesen sei, da sei Altena ihre neue Heimat geworden. So blickte Elisabeth Legutke auf die frühen 50-er Jahre zurück. Sie wurde mit Mutter und Geschwistern aus Schlesien vertrieben und fand nach dem Krieg in Altena Arbeit „im Haushalt“. Im gut besuchten Pfarrsaal von St. Matthäus schilderte sie, wie sie sich in einer Scheune vor den Russen versteckte und wie sie später im Viehwaggon nach Braunschweig gefahren und in Baracken („vorher waren das Pferdeställe“) untergebracht wurde. „Kraftspender“ sei nach all den Gefahren und Strapazen der regelmäßige Gottesdienstbesuch gewesen, der ihr in Altena endlich wieder möglich wurde.

Gut 60 Jahre nach Elisabeth Legutkes Vertreibung brachte Timothy Bendipo Beyemga eine ähnliche Odyssee hinter sich: Der gebürtige Ghanese floh schon vor Jahren vor Stammeskämfen in seiner Heimat – zunächst nach Libyen, wo er mehrere Jahre lang lebte. Als auch dort ein Bürgerkrieg ausbrach, kam Beyemga über Tunesien, Frankreich und Belgien nach Deutschland. „Er wurde hin- und hergeschoben“, stellte Chistiane Frebel fest, nachdem er die vielen Stationen aufgezählt hatte, die er in Deutschland durchlaufen musste, bis er Ende 2013 endlich nach Altena kam.

Der gläubige Katholik suchte hier den Kontakt zur St. Matthäus-Gemeinde. In Afrika werden lauter gesungen antwortete er auf die Frage nach den Unterschieden deutscher und afrikanischer Gottesdienste. Während sie in seinem Geburtsland häufig „verwässert“ seien, weil nach der Liturgie viele andere Dinge erörtert würden, seien sie in Deutschland interessanter, schilderte er.

Die Menschen in Altena seien nett und hilfsbereit, lobte Beyemga. Er hat zwar Deutschkurse beim Stellwerk besucht, wünscht sich aber weitergehende Sprachkenntnisse – „einfach geschriebene Bücher in deutscher Sprache“ antwortete er deshalb auf die Frage, was er sich wünsche.

Dritter im Bunde war der evangelische Pfarrer Dr. Dietmar Kehlbreier, der in seinem Leben zwar noch nie vertrieben wurde oder fliehen musste – viel herumgekommen ist er aber trotzdem. Katholizität sei deshalb für ihn ein wichtiges Merkmal von Kirche und Glauben, sagte er. Dieser theologische Begriff beschreibt die Einheit und Ganzheitlichkeit auch der protestantischen Kirche sowie das Einswerden all ihrer Mitglieder unter Christus als dem Haupt der Kirche. Sie führe dazu, dass er als Christ in aller Welt zu Menschen seines Glaubens in Verbindung treten könne, sagte Kehlbreier.

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