100 Iraker haben Interesse an Umzug nach Altena

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Die syrisch-katholische Gemeinde zu Gast in Altena.

Altena - Bei einer Gemeindeversammlung der syrisch-katholischen Kirche in Heilig Kreuz Essen hat am Sonntag eine ganze Reihe von Familien angekündigt, dass sie konkrete Umzugspläne nach Altena haben. 

Rudi Löffelsend, Vorstandsmitglied der Caritas-Flüchtlingshilfe Essen, spricht von elf Familien, die meist aus der Gegend von Mossul kommen. Das bedeute eine Zahl von 90 bis 100 Personen, allesamt wohl Iraker. „Das sind eben große Familien“, weiß Löffelsend. Sehr schnell würden sich die Pläne aber kaum umsetzen lassen, da viele Kinder erst noch das Schuljahr an ihrer jetzigen Schule in Essen abschließen sollen. Eine Liste der Familien will die Flüchtlingshilfe jetzt der Stadt Altena zukommen lassen. Bis sich die Pläne konkretisiert haben, werde es aber sicherlich Frühjahr, so der Caritas-Helfer. 

In Essen beklagen die Gemeindemitglieder, die zum Teil schon sehr lange hier leben, zum Teil aber auch erst vor Kurzem als Flüchtlinge ins Ruhrgebiet kamen, mangelnde Integration durch fehlenden Kontakt zu den deutschen Nachbarn. Sie wohnen in Stadtteilen, die schon mit Flüchtlingen und Bewohnern mit Migrationshintergrund überbelegt sind, in Stadtteilen mit hoher Arbeitslosigkeit, weiß Löffelsend. „Die Arbeitslosenquote liegt bei 13 Prozent.“ Das mache eine Integration nicht einfacher. 

Altena verfügt über wichtige Vorraussetzungen

Zwischen Januar und August habe die Ruhrgebietsstadt allein etwa 6000 Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Das habe zu einer Überforderung der Ämter geführt. Altena verfüge dagegen über wichtige Voraussetzungen, alle Schulformen, eine mittelständische Industrie, ausreichende Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten, ein Krankenhaus und entsprechende Verkehrsanbindungen. Den Bedarf an Intergrationsleistungen schätzt Löffelsend als nicht sehr hoch. Viele der Familien seien schon längere Zeit in Deutschland. 

Es gebe überwiegend gute Qualifikationen; mit sprachlichen Defiziten müsse man aber rechnen. Die seien aber in einem Umfeld wie Altena leichter zu beheben, glaubt Löffelsend. „Da kann man auch mal mehr fordern.“ Auf seiner Internetseite verweist das „Stellwerk“ darauf, dass es – Stand Januar – zwischen 40 und 45 Kümmerer gebe, die sich in die Flüchtlingsarbeit einbringen. Einer von ihnen ist Dieter Tischhäuser, der Kontakt zu zwei Flüchtlingen pflegt. Droht den Helfern nicht an einem gewissen Punkt eine Überforderung angesichts einer zu erwartenden weiteren Steigerung der Zuzugszahlen? 

Man muss die Grenzen des Einsatzes kennen, sonst drohen Enttäuschungen

Tischhäuser verweist dabei auf ein gewisses Maß an auch beruflich-pädagogischer Erfahrung. „Natürlich muss ich mich fragen, wo die Grenzen meines Einsatzes sind, was ich persönlich leisten kann“, sagt der ehemalige Schulleiter. Sonst drohten natürlich Enttäuschungen. Tischhäuser weist auf einen weiteren Aspekt hin, der ihm sehr wichtig erscheint: „Für die Integration in den Arbeitsmarkt muss deutlich mehr getan werden.“ Tischhäuser bringt „runde Tische“ ins Gespräch. 

Und das tägliche Zusammenleben? Für Joachim Effertz als Chef der Baugesellschaft stellt sich die Lage eher entspannt dar: „Es gibt keine massiven Probleme.“ Kleine Themen seien Mülltrennung, gelegentliche Lautstärke oder die Nutzung des Treppenhauses. „Aber das gibt es auch bei anderen Mietern.“ Effertz verweist auf die Vorteile einer Unterbringung, die über den ganzen Bestand verteilt sei.

Die Politik hält sich bedeckt

Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein war vor einigen Wochen in Essen, um den Mitgliedern der syrisch-katholischen Gemeinde die Stadt Altena vorzustellen. Er lud bei dieser Gelegenheit auch zu einem Besuch in Altena ein, der vor gut einer Woche erfolgte. Nur am Rande involviert war die Altenaer Kommunalpolitik: Sie erfuhr durch eine kurze Mitteilung der Verwaltung von den Kontakten. Darüber wurde weder diskutiert, noch gab es eine Beschlussfassung. 

Das sei auch nicht nötig gewesen, weil die Iraker ihren Wohnsitz frei wählen könnten, meinte am Wochenende Ulrich Biroth, Ratsmitglied der Sozialen und demokratischen Alternative. Wie auch Bernhard Diel (FDP) beteiligte er sich an einer Diskussion im Internet, bei der der Bürgermeister scharf kritisiert wurde. Diel und Biroth stellten sich vor ihn.

Kommentar dazu von Thomas Bender:

Wieder hat Andreas Hollstein eine große Zahl von Migranten eingeladen, nach Altena zu kommen, wieder hat er das weitestgehend im Alleingang getan. Der Vorgang war ihm lediglich eine höchstens einminütige Mitteilung in der letzten Ratssitzung wert, die Politik nahm seine Ausführungen kommentarlos zur Kenntnis. Sie hat mit diesem Verhalten des Bürgermeisters offensichtlich keine Probleme. Dann ist doch alles gut, sollte man meinen – zumal in den meisten Fällen weder der Bürgermeister noch die Mitglieder des Rates wirklich Einfluss darauf haben, wo sich als Asylbewerber anerkannte Menschen niederlassen. 

Ein Blick ins Internet zeigte am Wochenende, dass gar nichts gut ist. Es brach nämlich ein Sturm der Entrüstung los. Die Reaktionen waren so heftig, dass die AK-Internetredaktion die Notbremse ziehen und ein Forum zu diesem Thema schließen musste.  Es wurden zum Teil radikale und hasserfüllte Parolen geäußert, und zwar anonym, wie das in den meisten Internetforen nun mal üblich ist. Namentlich hingegen hat sich bis heute kein einziger Altenaer öffentlich gegen Hollsteins neuesten Coup ausgesprochen. Hollstein schiebt die anonyme Krittelei zur Seite – und macht es sich damit zu einfach. Es gab nämlich in der Internet-Debatte auch Einwände, die besonnen waren – zum Beispiel von einem Diskutanten, der sich im Stellwerk engagiert und eindringlich davor warnte, das Ehrenamt zu sehr zu strapazieren; die Paten seien vielfach jetzt schon an ihrer Grenze. Es gab Fragen danach, wo die Flüchtlinge eigentlich arbeiten sollen und ob es genug Kindergartenplätze für ihre Kinder gibt. Müssen neue geschaffen werden, dann kostet das viel Geld – und das muss zum Teil die Stadt aufbringen.

 Das Argument, dass die Flüchtlinge die Stadtkasse gar nicht belasten, zieht also auch nicht. All das ist für den Bürgermeister kein Thema: Er warb offensiv für den Zuzug der in Essen lebenden Iraker. Er besuchte sie, lud sie ein, schilderte Altenas Vorteile und Möglichkeiten. All das geschah hinter dem Rücken der Bürger. Auch bei den Altenaern für seinen Kurs zu werben, sie zu informieren oder gar einzubeziehen, das hielt er nicht für nötig. Ganz so, als sei Integration seine Privatsache – und wenn dieser Eindruck sich verfestigt, dann wäre das das Schlimmste, was passieren könnte.

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