Erinnerungen an einen Tag des Schreckens

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Beim Bau seines Hauses am Paulusweg fand Karl Heinz Dräger Partonenhülsen von den Geschossen, die von den Flugzeugen aus auf die flüchtenden Menschen niederprasselten und sie – oft tödlich – trafen. -  Foto: Linke

Altena - Für Margot Nau, heute Richter, ist der 28. März „ein Tag des Schreckens und der Trauer“, aber auch des Glücks – denn sie hat überlebt damals. Die junge Frau hatte eine Lehre bei Diedrich Hesse begonnen. Für ihren Lehrherren war sie mit der KAE-Kleinbahn, Schnurre genannt, unterwegs nach Lüdenscheid, um Geld für die Auszahlung von Löhnen abzuheben. Man schrieb den 28. März 1945. Das war heute vor 70 Jahren.

Weiter als bis Altroggenrahmede sollte der Zug aber nicht kommen. Was dort geschah, gilt als das einschneidenste Ereignis des Zweiten Weltkrieges in der Burgstadt: 77 Menschen kamen durch einen Angriff amerikanischer Jagdbomber ums Leben, nach Augenzeugenberichten gab es außerdem 100 Verletzte.

Heinz Linke verfügt über interessante Unterlagen zu dem Angriff und hat mit weiteren Zeitzeugen gesprochen, die an jenem 28. März im Zug waren. Außerdem ist der Nettenscheider im Besitz von Aufzeichnungen, die der katholische Vikar Wilhelm Schulte in jenem Frühjahr anfertigte.

In der Paulus-Kirche und auf dem Platz vor dem Eingang sah es nach den Berichten am 28. März 1945 „wie auf einem Schlachthof“ aus. 70 Jahre sind vergangen, aber den Menschen, die das Massaker überlebt hatten, ist das schreckliche Ereignis, das sich nur knapp drei Wochen vor dem Kriegsende abgespielt hat, immer noch deutlich vor Augen: Es war ein warmer und sonniger Frühlingstag, dessen zunächst friedliche Stimmung gegen elf Uhr völlig umschlagen sollte.

Der Zug war bis zum Bersten voll besetzt. Viele Fahrgäste benutzten die Kleinbahn an diesem Mittwoch, um von Altena ins Rahmedetal und nach Lüdenscheid zurückzufahren. Viele waren glücklich, denn in ihrem Gepäck hatten sie ein oder zwei Brote, die sie auf Lebensmittelkarten bei Bäckern in Altena erworben hatten. In Lüdenscheid war an diesem Tag kein Brot zu haben. Im Zug befand sich auch eine Anzahl verwundeter Soldaten. Sie waren in der zur Augenklinik umfunktionierten Mühlendorfer Schule behandelt worden und befanden sich auf dem Weg zurück ins Lazarett nach Lüdenscheid.

Margot Richter erinnert sich, dass sie eine von nur 16 Personen war, die den Angriff unverletzt überstanden. So wie der vor zwei Jahren verstorbene Manfred Bierwirth. Er berichtete für die Aufzeichnungen von Heinz Linke: „Als die ersten Tiefflieger in der Höhe der Firma Forkert durch das Rahmedetal schossen, hielt der Lokführer zunächst den Zug an.“ Als sich nach geraumer Zeit die Gefahr vorbei zu sein schien, setzte die Schnurre ihre Fahrt fort. Das wurde der Kleinbahn und ihren Passagieren zum Verhängnis, denn die Jagdbomber kehrten zurück. In dem dort weiter geöffneten Tal bot der Zug nun ein noch viel besseres Ziel.

Margot Richter schaffte es, ihren Waggon rechtzeitig zu verlassen und eine notdürftige Deckung zu suchen. „Wie tot“ blieb sie dort liegen, bis das Donnern der Maschinengewehre verklungen war.

Bei mehreren Anflügen auf die Kleinbahn luden die Jabos ihre tödliche Fracht ab. Explosivgeschosse und andere Munition prasselten aus den Bordkanonen in Höhe des damaligen Drahtwerkes Schulte auf die Menschen nieder. Mindestens drei Bomben schlugen ein.

Einige der Fahrgäste, die auf der Plattform standen, waren noch während der Fahrt abgesprungen und hatten sich gerettet. Weniger Glück hatte Käthe Theis, geborene Köhler, die vor Jahren in der Rathmecke wohnte. Sie erzählte damals: „Als ich die ersten Einschüsse hörte, rannte ich über die Straße und wollte mich im Haus der Drahtfabrik Schulte in Sicherheit bringen. Da wurde ich getroffen und am Kiefer schwer verletzt.“ Die damals 18-jährige junge Frau war eine der ersten, der Hilfe zuteil wurde. „Ein Offizier der Truppeneinheit, die in Zum Hohle lag, fuhr mich und einen weiteren Verwundeten in einem offenen Wagen sofort ins Krankenhaus nach Lüdenscheid.“ Die in Altena gekauften Brote trug Käthe Theis noch fest im Arm: Sie waren von Blut durchtränkt.

In der KAE befanden sich auch Hans-Joachim und Karl-Heinz Trimpop. Die Zwillinge fuhren vom Schulbesuch in Altena heim nach Altroggenrahmede. Beide überlebten das Inferno: Hans-Joachim Trimpop wurde von Splittern getroffen, sein Bruder blieb unverletzt. Der Angriff wurde auch für die Familien vom Ohle und Müller aus Altroggenrahmede zum Schicksalstag. Isolde Wrede, geborene von Ohle hatte ihn so erlebt: „Nach dem Beschuss brachte Frau Müller ihr siebenjähriges totes Kind Annette auf dem Arm zu uns ins Haus. Hugo Geck hatte meine achtjährige Schwester auf dem Arm. Sie war durch einen Kopfschuss getötet worden. Beide wurden zusammen in unserem Wohnzimmer aufgebahrt.“ Die Mädchen waren nicht in der Schnurre, sie hatten mit dem Opa der Siebenjährigen gegenüber der heutigen Kläranlage im Garten gespielt. - tk/hl

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