Tausende Exponate aus 100 Jahren Jugendherbergs-Bewegung

Dr. Christiane Todrowski, Leiterin des Archivs beim Märkischen Kreis, ist begeistert von den „Schätzen“, die in den ersten Kartons zu finden sind. Hier hält sie einen Wegweiser zum Schlafsaal von Jungen in einer Jugendherbege hoch. Im Hintergrund stehen Betten aus verschiedenen Jahren. Foto: Reichelt

Altena - Betten sind an die Wand gestellt, Kartons übereinander gestapelt. Hier und da zeigt ein Karton sein Inneres: Krüge aus Aluminium, Decken, Bonbon-Gläser – noch mit buntem Inhalt – und Kessel in jeglicher Größe. Wandschilder ragen aus dem großen Berg an „Zeug“, wie jeder auf dem ersten Blick denken würde. Doch die Jugendherbergssammlung von Hans Ermert aus Herdorf ist voller Erinnerungen.

„Jedes Teil erzählt eine Geschichte“, sagt Kreisarchivarin Dr. Christiane Todrowski. Gelagert wird die 30 Kubikmeter umfassende Sammlung zurzeit im ehemaligen Eugen-Schmalenbach-Berufskolleg. Ein recht kleiner Raum, in dem in den nächsten Monaten erst einmal alles sortiert werden muss. Denn geplant ist eine Ausstellung der Exponate für 2019. Das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) feiert dann sein 100-jähriges Jubiläum.

Auf das Kreisarchiv wartet viel Arbeit. „Einige wundern sich wahrscheinlich, warum wir die Sammlung bekommen haben“, vermutet Todrowski. Das meiste der zusammengetragenen Stücke sei „Flachware“, also klassische Archivware. Gemeinsam mit Bernd Gohlicke vom Medienzentrum des Märkischen Kreises wird sie die Kartons in den kommenden Monaten auspacken und die Sachen sortieren. Mehr als 20 000 Postkarten sollen eingescannt, digitalisiert und so für alle zugänglich gemacht werden. Kartons voll mit Heften und anderen Papieren müssen durchgeschaut werden. Das „Ränzlein“, ein Jugendkalender mit Texten einst als Werbeheftchen vom Deutschen Jugendherbergswerk verteilt, bringt ein Strahlen in Christiane Todrowskis Gesicht: „Sowas ist einfach toll.“ Das Heft von 1939 zeigt, wie sich die Propaganda der Nationalsozialisten auch in den Broschüren der Wanderfreunde durchsetzte.

Nicht nur Exponate aus Deutschland, sondern aus vielen Ländern der Erde wie Schweden, Amerika oder Mexiko, sind in der Sammlung zu finden. Sogar Öfen, Waschbottiche, elektrische Kartoffelschälmaschinen und Skier hat Hans Ermert auf seinen vielen Reisen zu Jugendherbergen gefunden.

„Im Alter von neun Jahren habe ich mich am DJH-Bazillus angesteckt und bin ihn bis heute nicht losgeworden“, erzählt Hans Ermert. Hinter dem Rücken seiner Mutter musste er die Stücke nach Hause bringen. In 60 Jahren hat der 72-Jährige einiges zusammengetragen. Und auch zu jedem Stück kann er eine Geschichte erzählen. „Wir werden ihn häufig fragen müssen, welches Stück woher kommt“, sagt Todrowski. Aber Ermert sei hilfsbereit und freue sich, dass seine Sammlung nun in guten Händen sei. Doch die Trennung von seinen Erinnerungsstücken sei ihm trotzdem nicht leicht gefallen.

Bereits im Jahr 2009 stand die Jugendherbergs-Idee Richard Schirrmanns, preiswerte Unterkünfte für junge Wanderer zu schaffen, im Mittelpunkt. Die erste Jugendherberge der Welt auf Burg Altena feierte ihren 100. Geburtstag. 2019 wird der DJH-Hauptverband mit einem weiteren Jubiläum folgen. Die Geschichte der Jugendherbergsbewegung bis in die heutige Zeit soll dann mithilfe seiner Sammlerstücke aufbereitet werden. Landrat Thomas Gemke sagte dem Sammler und auch Bernd Dohn, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Jugendherbergswerks in Detmold, die Unterstützung des Märkischen Kreises fest zu, teilt der Kreis in einer Pressemitteilung mit. Als Sitz der ersten Jugendherberge der Welt sei Altena für eine solche Ausstellung geradezu prädestiniert. „Wir wollen die gelebten Werte der Jugendherbergsbewegung wie die Begegnung junger Menschen, Toleranz, Austausch und Verständigung in den Blickpunkt rücken“, betonte der Hauptgeschäftsführer. Er freue sich, an die gute Zusammenarbeit mit dem Märkischen Kreis anknüpfen zu können,

Auch Gunnar Grüttner vom DJH und Vorstandsmitglied Lothar Molin nutzten den Besuch Hans Ermerts, um mit Kreisdirektorin Barbara Dienstel-Kümper und Detlef Küger, Fachdienstleiter Kultur, die Räumlichkeiten zu besichtigen und Einzelheiten zur Aufbereitung der Sammlerstücke und zur Ausstellungskonzeption zu besprechen.

„In den kommenden drei Jahren hat Bernd Gohlicke einiges zu tun“, sagt Christiane Todrowski. Zehn Stunden in der Woche werde er in Zukunft mit dem Auspacken der Sammlung verbringen. Man müsse vor allem schauen, „was ist aufhebenswert und was nicht.“ Und dann komme auch noch die Planung einer Ausstellung, die aber erst beginnen könne, wenn alles durchgesehen, sortiert und beschriftet sei. Ein Ort für die Ausstellung der Jugendherbergssammlung sei noch nicht bekannt, teilt die Kreisarchivarin mit. Und auch der Lagerraum werde vermutlich in Zukunft zu klein sein. „Wir brauchen dann Regale, um die Stücke zu ordnen.“

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