Kein Altena-Werbefilm, aber großes Kino

Zweimal ausverkauftes Haus gestern im Apollo-Service-Kino: Altenaer interessiert der Film aus Altena.

Altena - Fuck you, Altena – oder aber doch nicht? Man weiß es am Ende nicht so ganz genau: Einerseits hat Karsten Böhm die Nase voll von Kleinstadtmief, überbehütenden Eltern und nicht immer loyalen Freuden. Andererseits nutzt er einen tiefen Einschnitt in seinem Leben nicht dazu, dieser Enge den Rücken zu kehren. Im Gegenteil: Er macht in seiner Bank Karriere, verschraubt sich also noch tiefer in diesem System. Das ist schon großes, aber auch anspruchsvolles Kino.

Natürlich achtet man als Altenaer auf die Altena-Bilder dieses Films. Das ausdrucksstärkste entstand aus Richtung Wixberg und zeigt Karsten Böhm (der von Sebastian Hülk überzeugend gespielt wird) vor einer Totale der Innenstadt. Die gestreckten Mittelfinger beider Hände zeigen deutlich, was er in diesem Moment über seine Heimatstadt denkt.

Es beginnt mit Annas Leiche. Neben der steht Karsten nach einer Party in seiner Wohnung. Wie ist Anna zu Tode gekommen? Warum hat Karsten nicht den Notruf gewählt? Und wer ist Anna überhaupt? Der Todesfall wirft viele Fragen auf. Noch mehr gilt das für die Reaktionen von Freunden, Kollegen und Familienangehörigen. Da ist keine Empathie, weder mit der Toten noch mit dem, der sie gefunden hat. Das Thema wird nicht durchlitten, mit dem Thema wird umgegangen. Vor allem Karstens Vater, gespielt von Hanns Zischler, tut sich hier hervor. Seit Genrationen schon habe die Familie Böhm in der Stadt ihre Pflicht erfüllt, schnarrt der und sorgt für Anwalt, Geld an den Ehemann der Toten und gute Publicity, für die er unter anderem als edler Spender für den Burgaufzug auftritt. Das er so ist wie seine Eltern, das erschreckt Karsten zutiefst – lösen kann (oder will) er sich daraus nicht.

Karstens Elternhaus steht übrigens da, wo in Altena ein wirklich gutes Elternhaus zu stehen hat: Am Tiergarten. Womit wir wieder beim Thema Altena wären. Natürlich hat Regisseurin Asli Özge keinen Werbefilm über Altena gedreht. Die Burg sieht man nur zweimal, und dann auch nur für Sekunden und winzig klein, weil weit weg. Dafür gewährt der Film mehrfach Einblicke in das Arbeitszimmer des Bürgermeisters (es dient als Anwaltskanzelei) und präsentiert in verschiedenen Einstellungen die Mittlere Brücke, die es Chefkameramann Emre Erkmen offenbar besonders angetan hat und auf der Aufnahmen entstanden, die den Ortskundigen verwirren: Karsten hetzt in vollem Lauf über die Brücke, allerdings in die falsche Richtung. Merkt natürlich keiner außer uns...

Die Kamera liefert aber auch von der Fritz-Berg-Brücke und vom Iserlohner Berg ausdrucksstarke Bilder. Und aus der Sparkassen-Hauptstelle und deren Umfeld: Ein Arbeitsplatz, der als einzigen Ausblick ein Stück Beton bietet, der Bereich des Hintereingangs, in dem man sich wie gefangen fühlen kann zwischen hohen Wellblechwänden – das ist und bleibt Karstens Leben...

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