Beruf Bremser bei der Iserlohner Kreisbahn

Eine 40 Tonnen schwere Elektrolok der Iserlohner Kreisbahn zog kurz nach dem Zweiten Weltkrieg einen Panzer an einem Stahlseil aus dem Haspeler Teich.

Altena - Furchtlos und sprungbereit - das mussten sie sein, die Bremser bei der Iserlohner Kreisbahn. Im Rahmen der Arbeiten für den zweiten Band ihrer Geschichte der Iserlohner Kreisbahn (IKB) – „Kleinbahn Westig-Ihmert-Altena“ konnten die beiden Autoren Dr. Rolf Löttgers und Wolfgang R. Reimann noch zwei Zeitzeugen über ihren Dienst auf der Nettetalbahn befragen.

Die Drahtziehereien in der Nette hatten 1912 eine Netter Sammelteich-Genossenschaft gegründet und im Verlauf des Nettebaches in den Wiesen oberhalb der Drahtzieherei St. von Dreusche und unterhalb des Abzweigs Pleuger einen 150 Meter langen und bis zu 60 Meter breiten Teich angelegt, der in regenreichen Zeiten Wasser sammeln und in regenarmen Zeiten Wasser an den Nettebach abgeben sollte. 1939 wurde der allgemein als Haspeler Teich bezeichnete Netter Sammelteich durch eine oberhalb gelegene Stauschleuse sogar noch erweitert und die Stauhöhe des Haspeler Teiches auf 254 Meter über Null angehoben.

„1949 oder Anfang 1950 kam es am Haspeler Teich zu einer nicht alltäglichen Situation, an die sich der Rangierer Otto Herbert mehr als 60 Jahre später noch gut erinnert. Er und sein Lokführer-Kollege kamen mit einem Güterzug von Altena herauf und wurden auf Höhe des Teiches von einem an der Straße stehenden Mann angehalten. Wie sich ergab, handelte es sich um einen auswärtigen Schrotthändler, der mit einem großen LKW angerückt war, um aus dem Haspeler Teich einen „Schatz“ zu heben: einen deutschen Schützenpanzer, von dem nur noch Teile aus dem Wasser ragten. Die zum Zerlegen des Panzers nötigen Arbeiter, ausgerüstet mit Schweißbrennern, hatte er mitgebracht, kam nur leider nicht an den Panzer heran. Deshalb fragte er, ob die Elektrolok ihm nicht den Panzer aus dem Teich ziehen könne. Einen Versuch war es wert. Die Rollwagen wurden abgekuppelt, ein Stahlseil zwischen Panzer und Lok gespannt, und schon beim ersten Versuch bewegte sich das Kriegsgerät. Auf dem Weg nach oben wurde die Uferböschung arg ramponiert, aber am Ende stand der Panzer, oder besser, dessen Überreste, bereit zum Zerlegen auf der Straße.

Die Schweißer begannen ihre Arbeit, der Schrott wurde auf den LKW geladen, und nach kurzer Zeit war außer einer breiten Schleifspur in der Böschung nichts mehr zu sehen. Weder für die Polizei noch für die Sammelteich-Genossen. Und auch von der Eignung ihrer AEG-Lok als Panzer-Zugmaschine dürfte außer dem Zugpersonal kaum jemand etwas mitbekommen haben.“ Um die Güterwagen, die die Bundesbahn am Linscheid bereitstellte, zu den Kunden im Nettetal befördern zu können, nahm die Iserlohner Kreisbahn die Normalspur-Wagen auf ihren schmalspurigen Rollwagen huckepack. Weil die Güterzüge auf der Kleinbahn Westig-Ihmert-Altena im Gegensatz zu anderen Bahnen keine Druckluftbremsen besaßen, hatte die Aufsichtsbehörde verfügt, dass 40 Prozent der Achsen von Hand gebremst werden mussten. Dies geschah über zwei Handräder, die von einem Bremser betätigt wurden. Was nicht jeder vermutet: Die Bremser stellten bis zuletzt die größte Berufsgruppe innerhalb des Fahrpersonals. 1950 waren im Fahrdienst neun Lokomotivführer und 16 Bremser beschäftigt, in guter preußischer Tradition hierarchisch geordnet nach Ober-Bremsern, ersten Bremsern und zweiten Bremsern. Die Bremser–tätigkeit erforderte eine robuste Gesundheit, nämlich die Fähigkeit, bei Wind und Wetter ungeschützt unter einem verdreckten Normalspurwagen auf einem primitiven Sitz in einer 1,30 mal 1,40 Meter großen Grube zwischen den beiden Längsträgern zu kauern, den Straßenlärm und das Quietschen der Rollwagen-Räder in den Ohren, und dabei auf die Signale der Lokomotive zu achten.

Rolf Löttgers und Wolfgang R. Reimann, die Autoren des Buches „Kleinbahn Westig-Ihmert-Altena und Iserlohner Güterbahn“, konnten dazu noch einen Zeitzeugen befragen. In ihrem Buch heißt es: Wie sich Paul Stute erinnert, führte jedes Bremsen oder Anfahren des Zuges dazu, dass sich die Spindeln der Feststellklötze, mit denen die Räder der Normalspurwagen festgezurrt waren, um einige Millimeter lockerten. Wurde allzu häufig gebremst und wieder angefahren, musste der Bremser während der Fahrt zu den Feststellklötzen kriechen und die Spindeln wieder nachziehen. Manchmal aber war dies nicht möglich, weil der Zwischenraum zu gering war, und dann musste der Bremser.

Vorsichtshalber habe er dann schon „die Beine rumgeschwungen“ und „sprungbereit außen gesessen“. Für die Bewohner des Nettetals war der unter den Normalspurwagen kauernde Bremser ein vertrauter Anblick. Anders die Touristen, die die Burg Altena besichtigten. „Die kriegten sich oft nicht mehr ein, lachten sich halb tot, meinten, wir wären nicht ganz dicht und machten regelrechte Faxen, wenn sie uns sahen. Dann habe ich denen auch schon mal vor den Kopf gezeigt“, so Paul Stute, der 1947 seine Laufbahn in Altena als zweiter Bremser anfing.

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