Altenas Bürgermeister Dr. Andreas Hollstein zeigt Gesicht in "Mein Kampf - gegen Rechts"

Einer von elf Aufrechten

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Sehr persönlich beschreibt Dr. Andreas Hollstein sein Verhältnis zur Flüchtlingsfrage.

Altena - „Das Kleine kannst du beeinflussen“ – so ist ein sehr persönlicher Beitrag von Dr. Andreas Hollstein in dem 168 Seiten umfassenden Buch „Mein Kampf“ und weiter klein gedruckt „– gegen Rechts“ überschrieben.

Es erschien zur Jahreswende 2015/2016 im Europa-Verlag, Berlin. Es ist zunächst fast ein wenig verstörend, das ausgesprochen ernste Konterfei von Altenas erstem Bürger auf einem Buchcover im Schaufenster der Buchhandlung Katerlöh zu entdecken. Denn die Art und Aufmachung des so zum Verkauf ausgestellten Werkes erzeugt sogar irgendwie unbehagliche Assoziationen zur Hetzschrift Adolf Hitlers „Mein Kampf“. Dessen Urheberrechtsschutz lief bekanntlich zum 31. Dezember 2015 aus. „Mein Kampf – gegen Rechts“ hält der Neuauflage dieses Pamphlets elf starke Menschen entgegen. Im Buchumschlag heißt es dazu: „Menschen, die mit rechtem Gedankengut und rechter Gewalt zu kämpfen haben, und Menschen, die dagegen aufstehen. Und das zu einem Zeitpunkt, in dem Pegida boomt, Flüchtlingsheime brennen und terroristische Gewalttaten von rechten Parteien und Gruppierungen genutzt werden, um Vorurteile und Hass zu schüren.“

Gesicht zeigen wird aktiv

Die Rückseite des Buchcovers "Mein Kampf - gegen Rechts"

Der Verein „Gesicht zeigen!“ um seinen Vorsitzenden Uwe-Karsten Heye, Berlin, ehemals Regierungssprecher unter Kanzler Gerhard Schröder, hat sich namhafte Paten gesucht, um sein Buch zu stützen. Eine davon ist Iris Berben. Die Schauspielerin sagt zu dem Werk unter anderem: „Ich empfinde Ehrfurcht und Respekt für die Offenheit und Eindringlichkeit, mit der die Protagonisten des Buches über Geschehenes berichteten, und für die Größe, mit der sie trotz persönlicher Tragödien versöhnliche Töne anschlagen“. Als sie das Buch im Februar in Berlin vorstellte, wurde Hollstein die Ehre zuteil, direkt nach ihr seine Beweggründe zu nennen, sich am Projekt zu beteiligen und auch selbst auf großer Bühne vor nationaler und internationaler Presse zu lesen. Berührend sei das gewesen, sagt Hollstein. Man sei viele Male an ihn herangetreten, sich doch zu beteiligen. Er habe lange gezögert, dann aber doch dem bekannten Reisejournalisten Fredy Gareis Rede und Antwort gestanden, der ihn im Rathaus persönlich interviewte und das Gesagte aufzeichnete. Elf Frauen und Männer schildern in diesem Buch, das zeitweise unter den Top-Zehn der Spiegel-Bestenliste und auch bei den Sachbüchern ganz weit vorne lag, ihren „Kampf.“ So schreibt der Punk, der es schaffte, aus der Neonazi-Szene auszusteigen. Auch ein Holocaust-Überlebender, der dem jüdischen Widerstand angehörte oder die engagierte Seniorin, die mit ihrem Ceranfeld-Schaber Jahr um Jahr viele tausend Nazi-Aufkleber entfernte und eben Dr. Andreas Hollstein kommen zu Wort.

Nazi-Aufkleber abgekratzt

 Altenas Bürgermeister, der bundesweit mit der freiwilligen Aufnahme von 102 Flüchtlingen über dem vom Land NRW der Stadt zugewiesenen Flüchtlingskontingent hinaus im Oktober des vergangenen Jahres einen bis dahin bundesweit besonderen Weg ging. Die Geschichten von Hernán D. Caro, Mosche Dagan, Emma Louise Meyer, José Paca, Wana Limar, Frank Kimmerle, Andreas Hollstein, Nicola-Canio di Marco, Irmela Mensah-Schramm, Dominik Bloh und Robert Koall sind jede einzig und individuell. Sie gehen unter die Haut und sind keineswegs etwas für den schnellen Leser. Die elf Autoren schmücken in ihren Heimatstädten – so wie Hollstein im Sauerland – die Rückseite des Buchcovers. Hollstein selbst schildert auf zehn Seiten in seinem Beitrag, wie er im Urlaub vom Brandanschlag auf eine Flüchtlingsunterkunft in seinem Altena erfuhr, kurz bevor die 102 zusätzlichen Flüchtlinge am Ort eintreffen sollten. „Die Schweine“, habe er entsetzt zu seiner Frau gesagt. Als ihm das Vorgehen der Täter geschildert worden sei, habe er zunächst an organisierte rechte Gewalt gedacht. Aber eine leise Stimme im Hinterkopf habe ihm dann gesagt: „Wenn das nicht mal einer von uns war.“ Und er fügt an: „Als ich auf dem Weg zurück nach Hause war, hatten die beiden Täter bereits ein Geständnis abgelegt. Tatsächlich kommen beide aus Altena. Der eine war sogar freiwilliger Feuerwehrmann. Inzwischen ist er ausgeschlossen worden.

"Ich war niedergeschlagen"

Die Nachfrage in der örtlichen Altenaer Buchhandlung ist da.

 Ich war niedergeschlagen, ich kenne ihn persönlich. Dem hätte ich das niemals zugetraut.“ Nach persönlichen Bemerkungen zum familiären Hintergrund und dem beruflichen Werdegang, in dem die Flucht der Großeltern in den Wirren des Zweiten Weltkrieges Richtung Westfalen breiten Raum einnimmt, folgt einmal mehr ein ganz persönliches Statement: „Und so hat mir meine Familie auch mitgegeben, den Mund aufzumachen und für schwache Menschen einzustehen.“ Das könne er, so heißt es einige Zeilen weiter, nicht als Politiker auf Landes- oder Bundesebene. Beim Bürgermeisteramt sei das anders. „Ich bin seit 1999 Bürgermeister in Altena (...). Die Stelle ist mir auf den Leib geschnitten. Politik in Maßen, aber keine Parteipolitik. Ich kann etwas bewegen, noch dazu in meiner Heimatstadt.“ Hollstein geht weiter auf Ängste in Altena ein, spricht von Wagnissen und seiner Partei, die das C im Namen führe. „Ich habe mit meiner Partei, die das C im Namen führt, über viele Jahre so meine Probleme gehabt. Aber im Moment sehe ich voller Erfüllung, dass der wichtige Teil der Partei wieder zu den alten Werten zurückgefunden hat. Ob nun im christlichen oder im humanitären Sinne, ist mir ehrlich gesagt egal. Hauptsache, den Leuten wird geholfen.“ Hollstein geht dezidiert auch auf die vom Brandanschlag betroffene Flüchtlingsfamilie selbst ein, die er zu Kaffee und Kuchen ins Rathaus einlud. „Ja, das war ein Schreck“, hätten sie ihm gesagt. Aber auf ihrer Reise nach Deutschland hätten sie noch „wesentlich Schlimmeres“ erlebt. Hollstein: „Diese Antwort ließ mich richtig demütig werden.“ Dass es auch Widerspruch gäbe, dass nicht alle „seiner Linie“ folgten, auch das verschweigt Hollstein nicht. „Klar, es gibt Widerspruch: Hetz-Posts, Briefe, E-Mails.“ Und er nennt Auszüge: „Sie haben schlicht und einfach den Verstand verloren, hauen Sie ab!“ Hollstein verknüpft das Schicksal der Flüchtlinge am Ende seines Beitrag deutlich mit seinem eigenen. „Fünf Jahre bin ich in Altena noch in der Verantwortung - und man soll sich ja auch an seinen Zielen messen lassen.“

Hoffen, das Integration gelingt

Er hoffe, dass die Integration gelinge, viele blieben, dass sie gut Deutsch sprechen lernten und Kinder normal aufwüchsen und der Arbeitsmarkt sie aufnähme. Bezeichnend für den CDU-Politiker sein letzter Satz, er wünsche sich, „dass keiner mehr Angst haben muss!“ Buchherausgeber Uwe-Karsten Heye: „Das Buch ermutigt dazu, Haltung zu zeigen und sich nicht wegzuducken.“ Eines müsse jeder Mensch im Kopf haben, so der Regierungssprecher a.D: „In meiner Gegenwart wird keine Diskriminierung zugelassen“. „Mein Kampf – gegen Rechts“ kostet 14 Euro und ist bei Katerlöh erhältlich. Vom Verkaufserlös eines jeden Buches geht ein Euro an „Gesicht zeigen!“. Mein Kampf – gegen Rechts Europa-Verlag, Berlin Herausgeber: Verein Gesicht zeigen! e.V. ISBN 978-3-95890-027-1, 14 Euro www.europa-verlag.com

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