Auf einmal: Premiere bei der Berlinale

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Karsten im Kreise seiner Familie. Die Idylle bekommt Risse.

Altena -  Hanns Zischler muss Altena loben. Auf der 66. Berlinale genießt der Film „Auf einmal“ große Aufmerksamkeit. Es gab am Freitag, 12. Februar, viel Applaus bei der  Premiere in der Panorama-Reihe. Das Cinemaxx7 am Potsdamer Platz war ausverkauft.

Für Zischler, der zu den namhaften Darstellern des deutschen Kinos („Im Laufe der Zeit“) zählt, hat der Ort im Sauerland der Geschichte über die Selbstfindung eines jungen Mannes einen „besonderen Nachdruck“ verliehen. Er erklärt der internationalen Presse, dass er Altena seit den 70er Jahren kennt. „Meine Frau hat hier einen großen Teil ihrer Kindheit verbracht, deshalb war ich einige Mal in Altena zu Besuch.“

Aber dass man einen ganzen Film in dieser kleinen Stadt drehen kann, das hatte Zischler nicht für möglich gehalten. Das Licht, die Orte am Fluss, der Wald, die Häuser, Zischler kommt aus dem Schwärmen kaum noch heraus, vergisst aber auch nicht, den Kameramann Emre Erkmen zu loben, der für die klaren Landschaftsbilder, Stadtansichten und die Herbststimmung zuständig war. „Mich hat das Ergebnis überwältigt“, sagt Hanns Zischler.

 Regisseurin und Drehbuchautorin Asli Özge hat ein intensives Drama gedreht, das vorführt, wie das bürgerliche Leben von Normen bestimmt wird, die in der Öffentlichkeit kontrolliert werden. „Auf einmal“ ist ein Kammerspiel im besten Sinn, weil einem die wandelbaren Figuren nahe gehen.

Im Zentrum der Story steht Karsten. Nach einer Party in seinem Apartment nähert er sich einer Frau, die ihm Avancen macht. Als sie nach zuviel Alkohol Atemnot verspürt, kann Karsten noch nicht ahnen, dass sie wenig später tot im Wohnzimmer liegt. Weshalb ruft er nicht gleich den Notarzt, warum versteckt er die Strumpfhose von Anna, weshalb erzählt er der Polizei nicht, dass die junge Frau auf ihn traurig gewirkt hat?

 Sebastian Hülk spielt einen Bankangestellten und Spross einer einflussreichen Familie. Sein Status ist in Gefahr, diesen Instinkt hat er vom Vater (Hanns Zischler) geerbt. Wie kann Karsten belegen, dass ihn keine moralische Schuld trifft? Seine Freundin war auf Geschäftsreise, seine Absichten waren eindeutig und seine Freunde wundern sich, dass er nicht offen über alles reden will.

 Julia Jentsch, bekannt aus dem Drama „Sophie Scholl“, gibt seine Freundin Laura sensibel, eine Bedenkenträgerin. Sie wird unsicher, weil sie die Strumpfhose findet, und sie kann die Vorhaltungen nicht ertragen, die Karsten im Freundeskreis gemacht werden. Sie wendet sich ab.

 Regisseurin Asli Özge erzeugt mit „Auf einmal“ eine filmische Atmosphäre, die vom inneren Druck dominiert wird, den Karsten empfindet. Hätte er Anna, eine Mutter und Ehefrau, noch retten können, wenn er schneller Hilfe geholt hätte? Sein Vater bietet Annas Ehemann Geld, ein Rechtsanwalt soll die Familienehre schützen, aber parallel zu den gesellschaftlichen Verwerfungen, sucht Karsten in einer Selbstbefragung, ob er das Leben in der Kleinstadt weiter führen will, wo ihm misstraut wird, wo er vorverurteilt wird.

 Er schnürt den Rucksack, wandert durch Wälder und steigt über Berge. Ein Freund findet ihn in einer Hütte und auf einmal weiß Karsten, was er tun muss, um sich in diesem Fall zu positionieren. War er anfangs von den Ratschlägen seines standesbewussten Vaters gelenkt und nervös wie verletzlich, so zeigt Sebastian Hülk nun ein Minenspiel, dass die neue Entschlusskraft Karstens nuanciert preis gibt. Zum Ende geht er überraschend klar gegen heuchlerische Freunde und Mobbing am Arbeitsplatz vor.

 „Auf einmal“ zählt schon jetzt zu den gelungenen Filmen in der Panorama-Sektion der Berlinale 2016. Asli Özge hat eine Spannungsdichte geschaffen, die die Regisseurin zu den interessanten jungen Persönlichkeiten im europäischen Film macht. Bereits ihr erster Film „Man On The Bridge“ (2009) war beim Filmfest in Locarno gefeiert worden. Auch „Auf einmal“ belegt, wie diffizil sie Stories entwickeln kann und dass sie ohne Action, Verfolgungsjagden und Waffengewalt zu einem fesselnden Film kommt.

In einer Zeitung in Istanbul hatte sie die Geschichte einer Frau gelesen, die nach einer Party gestorben war, die aber niemand von den Gästen wirklich kannte. Dass die türkische Presse die Frau posthum für ihren Eigensinn verurteilte („Sie hat es verdient zu sterben“), verärgerte Özge. In Berlin erzählt sie, dass sie deshalb „Auf einmal“ machen wollte. Es sei aber keine moralische Geschichte, sagt sie im Hyatt Hotel, wo die Pressekonferenzen stattfinden. Vielmehr will sie mit ihrem Film ein Gesellschaftsbild zeigen, das belegt, wie zerbrechlich unser hehres Selbstverständnis sein kann, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert und unser Image beschädigt wird. Karstens Entscheidung ist am Ende erstaunlich und vor allem sehenswert.

Der Film kommt im Herbst in unsere Kinos.

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