Alexandra Krause aus Altena arbeitet für das UN-Flüchtlingshilfswerk

In 72 Stunden an jedem Ort der Welt die Not lindern helfen

Afrika ist und bleibt einer der Einsatzschwerpunkte von Alexandra Krause. Die 38-Jährige, die in Dahle aufwuchs, gehört zum Noteinsatz-Team des UN-Flüchtlingshilfswerks. Unser Foto zeigt sie mit einer Gruppe aus Kamerun.

Genf / Altena Wie oft Alexandra Krause im Flieger schon die Erde umrundet hat, weiß sie selbst nicht mehr. „Das habe ich nicht nachgehalten, ist nicht wichtig“, sagt die junge Frau am Telefon in der Zentrale des UN-Flüchtlingshilfswerkes in Genf, Schweiz. Dort ist die 38-Jährige tätig für den rechtlichen Schutz und die humanitäre Hilfe von Flüchtlingen, intern Vertriebene und Staatenlosen. Geboren in Werdohl, wuchs sie in Dahle auf, dort leben noch immer ihre Eltern Marianne und Manfred Krause.

„Ich komme aus einem Drei-Mädel-Haus“, sagt sie ins Telefon und so ein kleines bisschen ist der Sauerländer Zungenschlag noch zu hören. Wenngleich: Wenn sie international im Einsatz ist, spricht sie fließend englisch, französisch „und ein bisschen spanisch.“

Schülerin des Burggymnasiums Altena

1997 legte Alexandra Krause am Burggymnasium ihre Abitur-Prüfung ab. Ihr Berufswunsch war schon als Jugendliche, „für die UN in der ganzen Welt zu arbeiten.“ Doch das klappte nicht auf Anhieb. Die Dahlerin studierte Jurisprudenz, trat nach dem abgeschlossenen Jura-Studium in eine Frankfurter Wirtschaftskanzlei ein. Doch das war nicht ihre Passion, nicht ihre Erfüllung. Über einen Umweg kam sie dann zur UN. „Bei der Berufsberatung, ich komme noch einmal kurz auf die Zeit nach dem Abi zurück, war mir abgeraten worden, zur UN zu gehen. Ja, das wollten viele, hieß es damals.“ Doch Alexandra Krause verlor ihr Ziel nicht aus den Augen. „Was ich heute tue, das ist für mich genau das Richtige“, sagt sie.

Dahle, Altena, die sauerländische Heimat hat sie dabei nie aus den Augen verloren. „Die Kontakte sind über das Internet zu jeder Zeit möglich. Ich bin mit einigen Schul- und Studienkollegen noch in Kontakt. Und da wären noch meine Patenschaften“, erzählt sie. Sowohl bei der jungeren Schwester, die in Haltern wohnt, als auch bei der Älteren im Bunde, die in Aachen lebt, ist die „reiselustige Patentante“ stets gern gesehen. „Wir halten viel Kontakt“, sagt sie.

Wie sieht denn die Arbeit für das UN-Flüchtlingshilfswerk konkret aus?

„Mein Auftrag ist, in 72 Stunden an jedem Ort der Welt sein zu können“, sagt die 38-Jährige und man erkennt an der Stimme, dass dies der schwierige Teil ihrer Arbeit ist. Wir sind in Ländern tätig, in denen Mord und Totschlag, Hunger und Elend, den Alltag der Menschen bestimmen.“ Krause spricht von Staaten in vielen Teilen der Welt, die unregierbar seien, in denen bewaffnete Banden oder grausame Milizen das Regiment führen. Jüngstes Beispiel: Afrika, Kamerun. Hier fliehen noch immer Tag für Tag tausende Menschen vor den mordenden Milizen von Boko Haram. In den Krisenregionen Darfur im Sudan oder im Ostkongo sieht es nicht besser aus. In Deutschland ist das wohl bekannt, manchen TV-Nachrichtensendern ab und zu ein paar Sekunden-Frequenzen wert...

Angst darf man nicht zeigen oder haben

Eine couragierte junge Frau, zudem noch eine Christin, in Regionen, die kein Urlauber auf dem Schirm hat?. Hat Alexandra Krause keine Angst? Überraschend schnell kommt aus dem Telefonhörer ein starkes und festes, „nein, habe ich nicht. Ich bin nicht leichtsinnig, das können sie mir glauben.“ Und die Dahlerin fügt an, dass der beste Kompass das eigene Bauchgefühl sei. Sie habe gelernt, darauf zu hören. Alles sei vorbestimmt, „die einen setzen sich ins Auto, werden in einen Unfall verwickelt, kommen vielleicht nicht mehr nach Hause oder landen im Krankenhaus. Wer weiß, was im Leben mit einem passiert?“

Natürlich sorgten sich ihre Eltern, ihre ganze Familie. Doch vielleicht sei es gerade ihre Mutter Marianne gewesen, die ihren beruflichen Weg wesentlich mitbestimmte. Warum?

Helfergen liegt in der Familie

„Sie hat Krankenschwester gelernt. Wie meine ältere Schwester Sonja. Unsere Jüngste, Gabi, ist Physiotherapeutin. Wir drei Krauses arbeiten eben alle mit Menschen.“ Dass auch der Papa, der 76-jährige Manfred Krause sich sorge, wisse sie. „ Aber ich glaube, er ist, wie meine Mutter, auch ein bisschen stolz auf das, was ich mache.“

Flüchtlinge bestimmen zurzeit die öffentlichen Diskussion in Deutschland und Europa. Wie ist Alexander Krause denn konkret in diese Ströme eingebunden. Frank und frei erzählt sie von einem ihrer letzten Einsätze im Dezember. Dort wurde sie in ein Durchgangslager nach Gevgelija an der mazedonisch-griechischen Grenze beordert. Zu ihrer Zeit kamen täglich 6000 Frauen, Männer und Kinder hier an. „Die Menschen wollten weiter, nach Deutschland, Frankreich oder Schweden“, sagt sie. Die Einsatzkräfte hätten mit dem Nötigsten geholfen. Manche hätten nichts außer der Kleidung dabei gehabt, andere vielleicht noch eine Tragetasche. Die Aufgabe der UN sei es gewesen, entkräftete Personen mit Essen und Trinken zu versorgen, auch, für Ruhepausen zu sorgen und einfach zuzuhören; wie auch die vielen Freiwiligen zu organisieren. Besonders problematisch: Wenn sich Familien auf dem Weg nach Westeuropa verloren hätten.

Kann Alexandra Krause ruhig einschlafen, kann sie diese Not, dieses tägliche Elend, na sagen wir es salopp, „verdauen“ oder vielleicht als Selbstschutz verdrängen? Die Sauerländerin, die zuletzt auf der Balkon-Route im Dauereinsatz war, hat das gelernt. Und doch: Es blieben Bilder. Es blieben Erinnerungen an Menschen, an Personen, an Schicksale. „Viele sind so dankbar und bescheiden“, das sporne schon an.

Jeder Tag fordere sie und ihr jeweiliges Team vom Morgen bis zum Abend. Denn: „Wenn die Regierung 2000 Leute in Busse oder Züge auf dem Weg zur serbischen Grenze gesetzt hat, waren die nächsten 1000 schon da – und wir müssen damit leben, dass wir nichts ändern können.“ Mit den Jahren ihrer Arbeit hat sie ein persönliches Gefühl entwickelt, mit der Not der Menschen umzugehen, bewusst auf sie zuzugehen. Auch wenn es pathetisch klinge: „Dankbarkeit in jeder Form gibt uns Kraft, spornt an.“

Kraft tanken zuhause im Sauerland

Kraft tanken, den Kopf frei bekommen, das kann Alexandra Krause auch bei den „leider zu seltenenen“ Besuchen in Dahle, zu Hause. „Dann“, so sagt sie plötzlich völlig überraschend, „liegt auch das Altenaer Kreisblatt auf dem Tisch und ich lese die Zeitung, die mich auch als Kind schon begleitet hat.“

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