„Wolke & Kristall“: Die Kunstsammlung NRW erwirbt die Sammlung Fischer

+
Aus Schieferstücken besteht Richard Longs „Circle for Konrad“. Im Hintergrund Gemälde von Robert Mangold.

DÜSSELDORF - Es wirkt so verspielt, wie die zwei mal 144 Bleiwürfel auf dem Boden der Kunstsammlung NRW liegen. Einmal zu einem Quadrat aneinandergefügt. Dann wieder wie loses Geröll in den Raum geworfen. Dabei erklärt der US-Künstler Carl Andre so viel mit seinem Kunstwerk „Wolke & Kristall“. Zum Beispiel über die unterschiedliche Raumwirkung seiner identischen Elemente. Über den Kontrast zwischen einer kompakten, verschlossenen, regelbestimmten Materieballung und einer durchlässigen, zufälligen Stoff-Zerstreuung.

DÜSSELDORF - Es wirkt so verspielt, wie die zwei mal 144 Bleiwürfel auf dem Boden der Kunstsammlung NRW liegen. Einmal zu einem Quadrat aneinandergefügt. Dann wieder wie loses Geröll in den Raum geworfen. Dabei erklärt der US-Künstler Carl Andre so viel mit seinem Kunstwerk „Wolke & Kristall“. Zum Beispiel über die unterschiedliche Raumwirkung seiner identischen Elemente. Über den Kontrast zwischen einer kompakten, verschlossenen, regelbestimmten Materieballung und einer durchlässigen, zufälligen Stoff-Zerstreuung.

Was Konzeptkunst ist, vermittelt sich in dieser Bodenskulptur ganz organisch. Man muss sie nur anschauen. Die Arbeit gibt der Ausstellung „Wolke & Kristall“ im Düsseldorfer Museum den Titel, und das passt nicht nur, weil sie eine theoretische Frage klärt. Die Skulptur entstand 1996, im Todesjahr des Galeristen Konrad Fischer. Andre widmete seine Arbeit dem Mann, der ihn in Europa bekannt machte und mit dem er befreundet war.

Die Ausstellung würdigt einen einzigartigen Kunstentdecker. Und sie feiert einen Ankauf, der Lücken der Kunstsammlung schließt. Das Haus übernimmt die Sammlung von Konrad und Dorothee Fischer, neben den Kunstwerken von Klassikern des Minimalismus und der Konzeptkunst wie Carl Andre, Bruce Nauman, Hanne Darboven, Sol LeWitt und Richard Long gehört dazu auch das Archiv der Galerie Konrad Fischer. Die Hälfte der Kunstwerke und das Archiv sind Geschenke. Für den Rest zahlte das Haus, unterstützt vom Land und weiteren Förderern, einen Betrag im niedrigen zweistelligen Millionenbereich, so Marion Ackermann, Direktorin der Kunstsammlung.

Fischer (1939–1996) begann als Künstler, unter dem Namen seiner Mutter als Konrad Lueg. Mit Gerhard Richter und Sigmar Polke entwickelte er als Maler den „kapitalistischen Realismus“, eine deutsche Version der Pop-Art. Aber die Karriere währte nur kurz. Dafür beschloss er 1967, Galerist zu werden. Sein Partner wurde Kasper König, später Museumschef und Leiter der Skulptur.Projekte in Münster. Und während damals in der Kunstsammlung der Gründungsdirektor Werner Schmalenbach für das Land vor allem Malerei der klassischen Moderne und der Nachkriegsavantgarde ankaufte, kümmerte sich Fischer um die aufregende Kunst, die zu der Zeit entstand, in Abgrenzung zur expressiven Malerei. Nun kam es nicht mehr auf den Pinselstrich an, sondern auf überraschende Konzepte. Die Künstler verwendeten ungewöhnliche, oft rohe Materialien. Der Betrachter bekam neue Her-ausforderungen.

Als ersten Künstler zeigte Fischer Carl Andre. Und die Besucher hatten Mühe, das Kunstwerk „Altstadt Rectangle“ zu entdecken. Andre ließ den Fußboden der Galerie, einer Tordurchfahrt in der Düsseldorfer Altstadt, mit 100 industriell gefertigten Stahlplatten auslegen.

Ein Werkblock von Andre gehört zu den Höhepunkten der Schau. Das Altstadt Rectangle ist nicht dabei, aber „Alloy Square“ (1969), je 50 quadratische Kupfer- und Magnesium-Platten. Außerdem Arbeit „25 Blocks & Stones“ (1973), ein Ensemble aus quadratischen Betonplatten. Auf jede hat Andre einen Kiesel oder ein geologisches Fundstück gelegt, ein Ensemble von meditativer Kraft.

Die Kunst jener Jahre gilt als streng und spröde. Schaut man sich nun die von Anette Kruszynski kuratierte Ausstellung in Düsseldorf an, 200 Werke und zahlreiche Stücke aus dem Archiv, muss man diese These zumindest relativieren. Der britische Land-Art-Künstler Richard Long zum Beispiel feiert die Naturstoffe in seinen geometrischen Arrangements. Die Bodenarbeit „Pine Needle Corner for Dorothee and Konrad Fischer“ (1969) besteht aus dicht ausgelegten Kiefernnadeln. Sein „Circle for Konrad“ (1997) markiert einen 6,60 Meter durchmessenden Kreis aus Schieferbruchstücken. Der Betrachter meint, eine perfekte Form zu sehen, aber die unregelmäßigen, lose gefügten Steine behaupten sich eigensinnig gegen jede Vorgabe der Geometrie.

Viele Arbeiten sind dem Galeristen gewidmet. Kein Wunder: Er finanzierte die Flüge nach Europa, viele Künstler wohnten bei ihm, wurden von Dorothee Fischer bekocht (die anfangs den Lebensunterhalt der Familie bestritt mit ihrer Anstellung als Lehrerin). Es entstanden Freundschaften, und das Archiv spiegelt diese Beziehungen. Man bekommt einen anderen Blick auf die Künstler, wenn man Geburtstagsgrüße, Geschäftsbriefe, Entwürfe sieht. Vieles davon hat selbst Kunstcharakter, zum Beispiel die Postkarten Carl Andres, kleine bunte Aquarelle und ironische Zeichnungen.

Und man sieht die Kunst anders an. Die Bilder, Karten, Telegramm-Blätter des japanischen Künstlers On Kawara wirken verschroben und banal. Aber wenn man die Folge betrachtet, in der er Fischer täglich per Postkarte mitteilt, wann er aufgestanden ist (am 6.4.1969 nachmittags um 3.21 Uhr), wenn er täglich Telegramme schickt nur mit der Nachricht „I am still alive“, dann liest man Mahnungen an die Vergänglichkeit.

Fischer holte die Künstler nach Europa, als sie hier kaum jemand kannte. Er vermittelte sie an Museen, er machte sie berühmt, er brachte sie zum Beispiel 1972 in die documenta 5, für die er eine Abteilung mitkuratierte. Und dank seiner Spürnase kann man nun in Düsseldorf frühe Werke von Bruce Nauman erleben, Stoffarbeiten für die Wand von Daniel Buren, eine Fadenskulptur von Fred Sandback, Postkarten von Gilbert & George, die serielle Fotografie von Bernd und Hilla Becher, Gemälde von Robert Mangold. Aber auch Arbeiten jüngerer Künstler sind vertreten, zum Beispiel einer der düsteren Räume von Gregor Schneider.

Bis 8.1.2017, di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204, www.kunstsammlung.de,

Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 48 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare