Die Truck Tracks Ruhr in Recklinghausen

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Die Truck Tracks Ruhr führen die Zuschauer im geschlossenen Lkw durch das Ruhrgebiet.

Von Marion Gay RECKLINGHAUSEN - „Heute ist der Tag, an dem der letzte Mensch blinzelt in die Sonne“, schallt es bei „Futur II“ (Tobias Rausch) aus dem Lautsprecher und man will es sofort glauben, angesichts der tristen Reihenhaussiedlung hinter der breiten Rasenfläche. Fast alle Jalousien sind herabgelassen, jemand wartet so lange regungslos vor einer der Türen, dass man sich fragt, ob es nicht eine Plastikfigur ist.

Für das Projekt „Truck Tracks Ruhr“ von Rimini Protokoll fährt ein Lastwagen mit eingebauter Zuschauertribüne und Panoramafenster rund zwei Stunden lang durch Recklinghausen. Unterwegs gibt es sieben Stopps, zu denen Künstler Kurzhörspiele erarbeitet haben. So verwandelt sich ein Ort mit seinem zufälligen Geschehen für fünf Minuten in ein Theaterstück.

Das Projekt wird produziert von Urbane Künste Ruhr in Kooperation mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen und der Kunsthalle Recklinghausen. Es reist ein Jahr lang durch sieben Ruhrgebietsorte und zeigt Aktionen von 49 Künstlern.

Man startet von der Vestlandhalle mit leinwandverhüllter Fensterfront. Filmprojektionen zeigen zunächst noch die Halle, bald ziehen Straßen vorbei, Wohnhäuser, Läden, Industrieanlagen. Kinder sind unterwegs, Spaziergänger, Fahrradfahrer. Der Truck stoppt, die Videowand wird hochgefahren und man stellt fest, wie sehr man durch das Video in die Irre geführt wurde. Anstatt irgendwo am Straßenrand befindet man sich mitten in einer Lagerhalle. Schnell und elegant transportieren Gabelstapler Kisten herum. Dazu ertönt Mariola Brillowskas Hörspiel „Alles Palette“ über den Warenverkehr auf dem Mond.

„Wer zu früh schwitzt, verliert …“ heißt es in der Toninstallation „Wetterleuchten“ von Clemens Meyer und Johannes Kirsten. Dazu breitet sich beinah endlos die leere Trabrennbahn aus. Statt Pferden ist ein einsamer Biertrinker unterwegs. Der Ort ist zum Bild der Melancholie geworden. Genau wie später auch die Baugrube, die Vorstadtsiedlung und selbst der Bahnhof.

Während sich der Lastwagen durch die Stadt bewegt und sich filmische und reale Straßenszenen untermalt von Klangcollagen abwechseln, verliert man mehr und mehr das Gefühl für die Wirklichkeit. Die Stadt wird zum Roadmovie, alles wirkt auf einmal inszeniert. Die Frau mit dem Turban, der Mann an der Ampel. Sind sie echt oder Schauspieler?

Ein Motorradfahrer zieht am LKW vorbei, reißt plötzlich den Lenker hoch, fährt auf einem Reifen. Man mag es kaum glauben, aber doch, der war wirklich, und genau diese kleinen Überraschungen machen das Projekt so spannend.

Wie bei Station 6, Freibad Mollbeck: In Ersan Mondtags Hörspiel kreischen und planschen die Badegäste vergnügt, aber das Schwimmbecken vor dem Fenster ist verlassen. Bis ein Junge auf dem Sprungturm erscheint. Durch den Lautsprecher dröhnt jetzt ein Knall, Maschinengewehre rattern, das Geschrei ist schrill und panisch geworden. Während der Junge gelassen seine Sprünge übt.

Der Sound verebbt, der Truck fährt weiter. Aber jeder Jogger wirkt nun wie einer, der um sein Leben rennt. Ein Davongekommener. „Die Stadt war heute besonders gut“, sagt am Ende der Fahrt einer der Organisatoren.

Bis 18.6., täglich außer so und mo; Tel. 0221/28 02 11

www.trucktracksruhr.de

Quelle: wa.de

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