Im Theater Münster wird Rebekka Kricheldorfs „Alltag & Ekstase“ gespielt

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Karneval als Rausch? Janne (Ilja Harjes, links) und Takeshi (Bálint Tóth) im Stück „Alltag & Ekstase“ in Münster.

Münster - Alles scheint hier verpeilt. Es schneit, und zwei Bergsteiger beklagen sich über das fehlende Naturerlebnis. Eine schwarzglitzernde Wand ist hinter den frierenden Extremsportlern zu sehen, die für den Kick in den Himalaya gestiegen sind. „Adrenalin, Dopamin, Endorfin – wo seid ihr?“ schreit Ex-Junkie Gitta. Die Bergwelt ist ihr zuwenig. Sie hatte ihre Lebensversicherung gekündigt, um den Trip zu bezahlen. Auch Jonas ist sauer auf die „Erlösungsindustrie“. Statt „Öffne und erfreue Dich“ nur Kälte und Strapazen. Im Kleinen Haus des Theater Münster wird das beißend und sarkastisch als Endstation Sehnsucht gespielt.

Der erste Akt aus Rebekka Kricheldorfs Stück „Alltag & Ekstase“ wirkt wie ein Prolog, der im heftigen Tonfall vorwegnimmt, dass der Rausch des Lebens ein schöner Scheiß sein muss. Das wird vom Regisseur Robert Teufel auch weiter wie ein kabarettistischer Abgesang inszeniert. Banales ist scharf artikuliert, Intimes wird auf Nützlichkeit reduziert, mit dem Ziel, Erkenntnis zu forcieren, zu unterhalten. Also muss Janne seine hyperagile Partnerin Katja aushalten. Sie empfiehlt Rosinen im Müsli und möchte sein „Highspeed-Gestoße“ drosseln, um die „Performance“ im Bett zu verbessern. Auch als Jannes Mutter Sigrun – Regine Andratschke entwirft eine wankelmütige Patronin, die sich von Familienpflichten freikauft – mit Freund Günther dazukommen, bleibt das „Ficktempo“ Thema. Gerhard Mohr (als Günther) spreizt sich ohnehin professoral zu jedem Detail und gibt die Karikatur eines Feingeists, dem der hiesige Kulturkreis zu eng geworden ist. Das er später mit einem Penisfuteral durch Papu Neuginea stapfen will, traut man ihm schon vorher zu. Ilja Harjes versucht sich als Janne im Hier und Jetzt („Ich bin eine Firma“), scheitert aber, weil er zwischen Fehlentwicklungen die bessere Alternative sein will – nur wie? Vater, Mann, Unternehmer, Ich? Harjes gibt den Bedenkenträger und trifft auf einen Geschäftsfreund Günthers, der aus Japan kommt. Spaß und Familie schließen sich bei Takeshi aus, so dass der ganzheitliche Ansatz von Janne in Gefahr gerät. Hier schnauft die Inszenierung endlich mal durch, und nimmt den Kollisionsdruck aus der Figurenführung. Ein urgermanisches Ritual, das Janne kräftigen soll, wird dem Publikum als prickelnder Urin-Test dargeboten. Würde man einen Schluck nehmen? Janne greift zu. Und Tadeshi, den Bálinth Tóth als souveränen Gast und süffisanten Ideengeber spielt, bereitet den Boden für mehr Muße und Umsicht.

Regisseur Teufel macht das Bühnenspiel fürs Premierenpublikum durchlässigt, indem seine Darsteller Kontakt aufnehmen, die Magie japanischer Götter transportieren und die Selbstsuche mit hysterischem Geschrei erledigen. Günther brüllt „raus, raus, raus“, und geht durch den Zuschauerraum ab.

Irgendwie soll man sich verhalten zu „Alltag & Ekstase“. Lilly Gropper spielt als Katja die junge und fiese Mutter – River (13) ist nie zu sehen –, die eine Beschimpfung beendet („Du scheiß Kind“), in dem sie einen lilafarbenen Octopus-Ballon zertritt. Ihre Wut schäumt aus dem Unglück, nie zu werden wie sie soll. Sie spielt das (Raben)Mutterschicksal mit enervierender Wucht.

Immerhin hat Janne gelernt. Als er „das falsche Ich“ erkennt, reißt er die glitzernden Folien vom minimalistischen Bühneneinbau (Sabine Mäder) ab und legt zahllose Kisten frei. Voll und durcheinander wirkt die Lebenswelt nun, aber das entspannt so sehr, dass alle Küchenpsychologie verblasst und Normalität spürbar wird. Bis Katja nochmal auftritt.

25. 5.; 8., 16., 18., 24., 25. 6.; 1., 5., 8. 7.; Tel. 0251/5909 100; www.theater-muenster.de

Quelle: wa.de

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