Stefan Mosters Roman „Neringa“

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Stefan Moster

Was hat Opa noch erzählt – aus dem 2. Weltkrieg und von seiner Arbeit als Pflasterer? Wie hat er das Haus gebaut, das der Enkelsohn kennt? Es sind Fragen, mit denen Stefan Moster seinen Ich-Erzähler auf die Spur der Familie Flieder setzt.

1964 in Mainz geboren zählt der Autor, Lektor, Übersetzer und Herausgeber selbst zu der Generation, die von ihren Großeltern meist ein lückenhaftes Bild hat. Was traf eigentlich zu aus der NS-Zeit, was war idealisiert? Sein Roman „Neringa oder Die andere Art der Heimkehr“ geht noch einem anderen Bedürfnis nach. Was hinterlässt der Erzähler, der in London arbeitet und Software vertreibt, seiner Nachwelt? Eine Cloud? Opa Jakob hatte ein kunstvolles Pflaster an der Kaiserstraße in Mainz verlegt, eine Pracht. Diese Substanz fehlt dem Enkel in der digitalen Welt. Was nun?

Stefan Moster macht aus dem Enkel keinen Detektiv, der haarklein recherchiert, keinen Aufklärer, der alle Fragen entschlüsselt. Mosters Erzähler ist ein Bedenkenträger, der mit sich unzufrieden ist. Anfangs hat der Roman Qualitäten, weil er das Authentizitätsproblem mit Geschichten aus der Geschichte reflektiert. Als allerdings die Gegenwart des Erzählers an Profil gewinnt, verliert der Roman seine Klarheit. Eine Putzfrau aus Litauen räumt in London Flieders Wohnung auf, und Autor Moster schlägt ein Migrationskapitel unserer Zeit auf. Sein Romanheld verliebt sich in die Frau mit den schlanken Händen und dem intelligenten Blick. Aber die Geschichte mit Ulla, seiner Ex, wird auch erzählt. Und dass er Neringa dann noch entlässt, um sie später in der Kolonie von 40 000 Litauern in London zu suchen, ist eine überflüssige Volte. Nicht die letzte.

Zur Nebelbank der Erinnerungen wird noch ein Charakter angestrahlt, der unzufrieden, jähzornig und irgendwie melancholisch ist. „Ich ertrage mich nicht“, sagt der Erzähler seinem Psychotherapeuten, über den er natürlich auch reflektiert. Aber die Treffen zeitigen kein greifbares Ergebnis, wirken eingestreut. Dann enden sie – warum erfährt man nicht.

Vielleicht will Moster das Fragmentarische im Leben problematisieren, die offenen Baustellen, das Oberflächliche. Leider zerfranst dabei sein Roman. Die Erzähldichte verläppert, er verzettelt sich, wird stellenweise banal. Auch wenn ihm die Liebe immer wichtiger wird: „Komm’, sagte sie, wir legen uns hin.“ Selbst Neringa, die die Schlüsselrolle im Wertekanon übernimmt, bleibt trotz ihrer Entschlusskraft als Figur blass. In ihrer Freizeit spielt sie Puppentheater. „Ich möchte bei dir bleiben“, sagte Neringa nach dem Sex: „Die Falten sind weg.“

Stefan Moster kann die kleinen Einsichten und Weisheiten, die einem das Leben offenbart, stellenweise sehr schön kenntlich machen, vor allem wenn er Begegnungen mit den Großeltern als Kindheitsbilder beschreibt.

Nur die gefühlige Irrfahrt eines Mannes als Erinnerungsarbeit am Familienkorpus bis zu einer Frau, die dort herkommt, wo er seine Wurzeln vermutet, ist letztlich zu konstruiert und oftmals Kolportage. Plötzlich bangt Flieder um seinen Job, weil die Kapitalgeber nachdenken. Er hat seine Oma vor Augen, die ein Ei aus einem Huhn drückt. Und was tat der zweite Opa im Krieg?

Zu dem Zeitpunkt will man das nicht mehr wissen, aber natürlich Neringa, die Verständnisvolle. Neringa heißt auch die Schutzheilige der ostpreußischen Fischer an der Kurischen Nehrung. Auch dorthin geht die Reise. Und wenn man eine Frau wie Neringa triff, kommt man über das „Identitätserbe“ hinweg, das man als Deutscher nun mal zu tragen hat, ist tatsächlich die Quintessenz des Romans. Aufruf: Seid gegenwärtig! Angesichts unserer NS- und Kriegsgeschichte ist das ein innerliches Debakel.

Stefan Moster verpasst es, der deutschen Spurensuche eine persönliche wie berührende Orientierung zu verleihen, die fesselt. Am Ende ist sein Roman selbstgerecht, haltlos und ärgerlich.

Stefan Moster: Neringa oder Die andere Art der Heimkehr.

Mare Verlag, Hamburg. 282 S., 20 Euro

Quelle: wa.de

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