Spanische Barock-Kunst in der Schau „El Siglo de Oro“ in Berlin

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Ein Theater mit Skulpturen: Die lebensgroße Kreuztragung von Gregorio Fernández und Pedro de la Cuadra.

BERLIN - Blutüberströmt liegt der tote Christus vor dem Betrachter. Gregorio Fernández hat den geschundenen Leib mit höchstem Realismus aus dem Holz geschnitten. Die zerschlagenen Knie: klaffende Wunden. Die durchbohrten Füße. Nichts erspart der Künstler dem Blick des Gläubigen, der von dieser Nacherzählung des heiligen Geschehens überwältigt werden soll. Der virtuose Schnitzer nutzte alle Tricks, um die Wirklichkeit noch täuschender nachzubilden, aus Stierhorn formte er Fingernägel, aus Elfenbein Zähne. Und die Fassmaler imitierten virtuos Hauttöne, die Streifen des vergossenen, geronnenen Bluts, den matten Schimmer des Stoffs.

Zu sehen ist das um 1627 entstandene Meisterwerk barocker Skulptur in der Gemäldegalerie Berlin. Mit der Ausstellung „El Siglo de Oro. Die Ära Velazquez“ bietet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz erstmals außerhalb Spaniens einen Überblick über eine Blütezeit der Künste. Die mit der Kunsthalle München erarbeitete Schau versammelt mehr als 130 Werke, im Kern aus den eigenen Beständen, ergänzt um Leihgaben aus den wichtigsten Sammlungen wie dem Prado in Madrid, dem Metropolitan Museum in New York, dem Louvre in Paris, der National Gallery in London. Der Kunstfreund findet hier jeweils Werkgruppen der berühmtesten spanischen Maler des 17. Jahrhunderts, angefangen von vier Gemälden El Grecos über Arbeiten von Diego Velázquez, Bartolomé Esteban Murillo und Francisco de Zurbarán bis zu Werken weniger bekannter Meister. Vor allem aber werden die lange weniger hoch geschätzten farbig gefassten Skulpturen der Epoche vorgestellt.

Das 17. Jahrhundert war politisch und sozial eine Verfallszeit für Spanien. Um 1600 ging darin wie schon zu Zeiten Karls V. die Sonne nicht unter, herrschte die spanische Krone über Gebiete in allen damals bekannten Kontinenten. Aber eine Serie von Kriegen und Aufständen, wirtschaftliche Krisen, Pestausbrüchen erschütterte das Reich. Sechs Staatsbankrotte trafen Spanien. Portugal und die Niederlande erstritten ihre Unabhängigkeit, weite Gebiete gingen verloren zum Beispiel an Frankreich. Die Ungleichheit wuchs, weite Teile der Bevölkerung verarmten. Paradox, dass gerade in dieser Zeit die Künste blühten. Aber König Philipp IV. (1605–1665) kämpfte nicht nur gegen den Zerfall seines Imperiums. Er war auch der bedeutendste Kunstsammler und -förderer seiner Zeit, ließ sich als zweite Residenz den Buen Retiro Palast bauen, den er mit seinen Schätzen füllte. Für ihn arbeiteten nicht nur Tizian und Rubens, sondern auch die führenden spanischen Meister. Er ernannte Velázquez zum Hofmaler.

Ein Hauptantrieb für Kunst war die Religion – Klöster und Kirchen zählten zu den wichtigsten Auftraggebern. Die spanischen Maler entwickelten ein besonderes Vokabular für die fromme Propaganda der Gegenreformation. Man zielte auf Überwältigung, Nähe, Drama. Wunder wurden durch Bilder beglaubigt. Schon El Grecos dreieinhalb Meter hohe Darstellung der Unbefleckten Empfängnis (1608–1613) kombiniert die realistische Landschaft um Toledo mit einem bunten Wirbel aus Maria und Engeln. Fotorealistisch ist auf einem Bild, das vielleicht von Velázquez stammt, der aufgebahrte Priester Simón de Rojas zu sehen, der in seiner letzten Stunde angeblich mit dem Teufel stritt, wovon noch der Bluterguss an seiner Stirn zeugt. Zurbaráns Bildnis des heiligen Franziskus (um 1640) soll nicht den lebenden Heiligen darstellen, sondern den unverwesten Leichnam, den Papst Nikolaus V. in der Basilika von Assisi gesehen haben soll. Gerade das Unwirkliche, das Unmögliche sollte so echt wie möglich aussehen. Manche Bildfindung wirkt überraschend modern, wie der Spezialeffekt eines Films, zum Beispiel Jusepe de Riberas „Vision des Belsazar“ (1635), wo nicht das protzende Fest des biblischen Herrschers zu sehen ist, sondern nur die göttliche Hand, die ihre Drohbotschaft an die Wand zaubert.

Die Gefühle schwappen über, und mit ihnen strömen Blut und Tränen. Gerade die Bildschnitzer und die mit ihnen kooperierenden Maler wetteiferten um die realistische Darstellung des Gekreuzigten und der Heiligen. Pedro Roldáns Mater dolorosa (um 1670) laufen gläserne Zähren über die Wange, und La Roldana, eine prominente Bildhauerin aus Sevilla, setzte an ihrem kleinen Christus rote Tropfen ebenfalls aus Glas. Diese Kunst sollte gebraucht werden, sei es für die private Meditation, sei es für die öffentliche Inszenierung. Spektakulär ist die Kreuztragung Christi von Gregorio Fernández und Pedro de la Cuadra, fünf lebensgroße Figuren, die bis heute in Valladolid in der Karwoche bei einer Prozession durch die Stadt getragen werden. Und wo sonst in der Barockmalerei hat man Gewalt so unverhüllt gesehen wie in Pedro Orrentes „Martyrium des heiligen Jakobus des Jüngeren“ (1639)? Die Hirnmasse quillt aus dem Schädel des Opfers, während ein prunkvoll gekleideter, weißbärtiger Priester den Leichnam verächtlich tritt wie ein moderner Fußball-Hooligan. Ein unbekannter Meister aus Sevilla malte die abgeschlagenen Köpfe der Märtyrer Paulus, Johannes und Jakobus (um 1660) als Andachtsstillleben – eine seltsame Frömmigkeit, die sich an solchen Darstellungen ergötzte.

Das Siglo de Oro war keine Zeit der Heiterkeit. Nur selten sieht man lächelnde, fröhliche Menschen wie im Küchenstück des anonymen Meisters aus dem Rijksmuseum Amsterdam oder in Murillos ärmlichen „Pastetenessern“. Was dem erkenntnisreichen Genuss in der prachtvollen Ausstellung keinen Abbruch tut. Man sieht grandiose Menschenbilder wie den melancholischen „Mars“ und den kleinwüchsigen Hofnarr, der in einem mächtigen Folianten blättert, beide von Velázquez aus dem Prado. Man findet zwei der wichtigsten Gruppenbildnisse der Epoche, Juan Bautista Martinez del Mazos Porträt der eigenen Familie und José Antolinez’ Darstellung des dänischen Botschafters Lerche mit seinen Freunden. Man entdeckt das strenge Stillleben mit Wildvögeln (1600-1603) von Juan Sánchez Cotán und das unerhört plastische Bücherstillleben (um 1630-40) eines unbekannten Künstlers. Große Kunst aus einem zwielichtigen Jahrhundert.

Bis 30.10., di – fr 10 – 18. do bis 20, sa, so 11 – 18 Uhr, Tel. 030/

266 42 42 42, www.elsiglodeoro.de, Katalog, Hirmer Verlag, München, 29 Euro, im Buchhandel 49,90 Euro

26.11. - 26.3.2017 Kunsthalle München

Quelle: wa.de

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