Roland E. Kochs Roman über Kardinal von Galen: „Dinge, die ich von ihm weiß“

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Provoziert die Kirche: Roland E. Koch ▪

Von Ralf Stiftel ▪ MÜNSTER–Dieses Buch elektrisiert die katholische Kirche, und dabei ganz besonders diejenigen, die es noch nicht kennen. Kein Wunder, beschreibt der in Hagen geborene, in Köln lebende Autor Roland E. Koch darin doch das Leben des Bischofs Clemens August von Galen aus der Sicht seiner Haushälterin. Und in dem Roman lieben sich der 2005 selig gesprochene „Löwe von Münster“ und jene (erfundene) Maria. Und sie haben sogar eine gemeinsame Tochter, Mechthild.

„Billigster Schund“ sei das, schreibt Propst Hans-Bernd Serries auf einer Internetseite. Ingrid Lueb hält das Buch für eine „sensationsgierige Geschichte“. Der kleine Verlag, in dem Kochs Werk erschien, erhielt wütende Mails. Und die Weltbild-Buchhandelskette, im Besitz der katholischen Diözesen Deutschlands, hat den Roman aus ihrem Angebot entfernt. Soviel ist also klar: Konservative Gläubige sollten sich die Lektüre ersparen. Sie würden sowieso nur die Stellen suchen, an denen sie Anstoß nehmen könnten.

Ist es statthaft, eine historische Figur wie Galen in einem solchen Zusammenhang auftreten zu lassen? Roland E. Koch will ausdrücklich den Bischof nicht demontieren. „Dinge, die ich von ihm weiß“ ist nicht als Hetzschrift gedacht, um so etwas wie einen neuen Blick auf den mutigen Geistlichen zu finden oder seine Größe zu leugnen. Über eine Predigt lässt Koch seine Erzählerin sagen: „Er brauchte nur da oben auf der Kanzel zu stehen und ein wenig die Hände zu erheben, das überzeugte mehr als alles andere, dass er es ehrlich meinte, dass er das Gute kannte, dass er wusste, was zu ergreifen war und was zu fliehen... Es war großartig...“ Das Charisma Galens, der nicht durch rhetorische Tricks wirkte, weiß Koch zu schildern.

Der Autor erfindet, was wohl in mehr Pfarrhaushalten wirklich geschieht, als die Amtskirche zugibt: Dass sich ein Priester und eine Frau näherkommen, dass der Zölibat nicht funktioniert. Und er macht die älteste Tochter einer Münsterländer Bauernfamilie zur treuen Wegbegleiterin Galens, schildert aus ihrem parteiischen Blickwinkel den Widerstand gegen die Nationalsozialisten. „Clau“ nennt sie ihn, zusammengezogen aus seinen Vornamen, ein Spitzname, der in der Familie gängig war. Vielleicht muss man sich von der Überhöhung lösen, mit der die Kirche einen Seliggesprochenen umgibt, dessen Reliquien unter anderem in Billerbeck und Xanten verehrt werden. Legitim ist es allemal, das politische Wirken des Kardinals in einem weltlichen Kontext zu betrachten. Auch eine erfundene Geschichte kann helfen, den Menschen Galen besser zu verstehen. Die besten Stellen des Buchs sind die, an denen er die Gefährdung im NS-Staat schildert. Unmittelbar vor der flammenden Predigt gegen die Ermordung der geistig Behinderten erzählt Koch, wie die psychisch kranke Frau von Marias Bruder getötet wird. Und Mechthild bekommt Ärger in der Schule, als sie dort kritische Äußerungen von Zuhause nachspricht.

Leider widerstand Koch nicht der Verlockung, aus Maria eine „starke Frau“ zu machen nach dem Geschmack moderner Feministinnen. Da sitzen dann Clau und sie über einer Predigt und arbeiten sie durch. Einmal heißt es gar: „Er schrieb, und ich diktierte...“ Dauernd bewertet diese Frau vom Lande, die doch vom Bischof erst unterrichtet worden ist, von ihm Bücher bekam, eben diesen ihren Mentor und weiß viel zu oft alles besser. Zwar wird die Absicht Kochs deutlich, keinen Heiligen zu beschreiben sondern einen Menschen mit Schwächen. Aber man liest hier zu viel von Bratkartoffeln und Verdauungsschwierigkeiten, und zu wenig von den Leistungen, die Galen zur historischen Figur auch außerhalb der Kirche machen.

Nein, dies ist kein Skandalbuch, schon weil Koch viel zu leise und dezent erzählt. Aber es ist auch nicht das große Lebensbild, das jeden Zweifel durch Kunst erstickt.

Roland E. Koch: Dinge, die ich von ihm weiß. Dittrich Verlag, Berlin. 229 S., 19,80 Euro

Der Autor liest aus seinem Buch: 22.9., Buchhandlung Lesezeit, Münster,

20.10., Studiobühne der Uni Münster

Quelle: wa.de

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