Richard Dawkins schreibt seine Autobiografie

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Kämpferischer Forscher und Aufklärer: Der Biologe Richard Dawkins

Die entscheidenden Passagen in Richard Dawkins’ Autobiografie handeln von Biologie und Evolution. Zum Beispiel wenn er eine Versuchsreihe mit pickenden Küken beschreibt, die mit Licht von unten aufgezogen wurden und trotzdem an Dingen pickten wie normal aufgewachsene Jungvögel. Und man meint, den Triumph des jungen Wissenschaftlers zu hören in seinem Schluss, er habe „einen echten Fall von angeborener Information aufgespürt“.

Richard Dawkins, der im März seinen 75. Geburtstag feierte, gehört zu den bekanntesten Wissenschaftlern der Welt. Das liegt zum einen daran, dass er Darwins Evolutionstheorie entscheidend weiter entwickelt und in zahlreichen, auch einem breiten Publikum verständlichen Büchern popularisiert hat. Außerdem aber gehört er zu den entschiedensten Kritikern von Religion, ja, man tut ihm kaum Unrecht, wenn man ihn einen militanten Atheisten nennt. Nun liegt seine Autobiografie „Die Poesie der Naturwissenschaften“ vor. Die deutsche Ausgabe fasst die zwei Bände der englischen Originalausgabe in einem Band zusammen.

Nun haben unterschiedliche Leser auch unterschiedliche Erwartungen an so eine Lebensbilanz. Dawkins ist das klar. Natürlich kommen hier die äußeren Stationen seiner individuellen Evolution vor, die Kindheit in Afrika, das Aufwachsen in den englischen Internaten, Studienzeit in Oxford zum Beispiel. Und Dawkins ist Brite genug, dass es einige spleenige Anekdoten gibt, angefangen mit seinem Vorfahr Clinton George Augustus Dawkins, der als britischer Konsul 1849 bei der Beschießung Venedigs durch die Österreicher beinahe von einer Kanonenkugel getroffen worden wäre. Die Kugel ging zwischen den Beinen hindurch, richtete aber, wie Dawkins anmerkt, keinen Schaden an der „Gabelung von Shakespeares Rettich“ an, so dass er seine Existenz auf einen „ballistischen Glücksfall“ zurückführe. Frivol darf es also werden, und Dawkins verschweigt auch nicht, dass er mit 22, also „im recht fortgeschrittenen Alter“, seine Jungfräulichkeit an eine „hübsche Cellistin“ verlor. Intimitäten aber verrät er nicht: „So eine Autobiographie ist das hier nicht.“

Und Dawkins ist ein erfahrener Erzähler, der eine gute Anekdote zu schätzen weiß. So findet man bei ihm einige der skurrilsten Wetten aus dem Wettbuch, das bei seinem College in Oxford auslag. Auch die Geschichte von dem klapprigen Auto des Professors fehlt nicht, das bei einer nächtlichen Fahrt in Brand geriet und von einem Mitfahrer mit der „Pantagruel-Methode“ gelöscht wurde, für die es vor allem einer gut gefüllten Blase bedarf.

Aber ins Zentrum seiner Lebensbilanz rückt Dawkins seine wissenschaftliche Arbeit und sein Engagement gegen die Religion. Seine wichtigsten Forschungsergebnisse benennt er und fasst sie knapp zusammen, wie das Umdenken der Evolutionstheorie vom individuellen Geschöpf auf das „egoistische Gen“, das ein Tier oder eine Pflanze nur benutzt, um fortzubestehen, oder das Konzept des Phänotyps, wonach die Gene nicht nur das Äußere eines Wesens festlegen, sondern sogar Verhaltensweisen bis hin zur Gestalt eines Vogelnests. Auf diese Weise bietet das Buch auch einen guten Einstieg in die Arbeit des Biologen.

An einer Stelle berühren sich die Haupttätigkeitsfelder des Autors: Sein Ziel, so schreibt er, sei, „eine Art Weltanschauung des Biologen“ vorzulegen. Dazu gehört eine Betrachtung des Lebens auf der Erde, die streng materialistisch ausfällt und sich an den Kerngedanken der Darwinschen Evolutionstheorie orientiert. Dazu gehört ebenso, dass er Schöpfungsmythen ablehnt, bis hin zur Militanz. Wobei er selbst unterstreicht, dass er zum Beispiel das Christentum nicht gehässig verfolge. Sein Beispiel, die Nähe der katholischen Marien- und Heiligenverehrung zum Polytheismus, ist allerdings nachvollziehbar, und ein Gläubiger muss schon sehr empfindsam sein, um sich vom Spott dieser Passage beleidigt zu fühlen. Wenn Dawkins von seinen Diskussionen mit Kreationisten schreibt, klingt er eher wie ein britischer Ritter, der sich seiner Turniersiege erfreut. Zweifellos schwingt da eine gute Portion Eitelkeit mit, und einige Altersmilde.

Sentimental ist er gelegentlich auch. Man lese nur die Passagen, in denen er an verstorbene Freunde wie den Schriftsteller Douglas Adams und den Journalisten Christopher Hitchens.

Und man lernt in diesem Buch Dawkins, den Ästheten kennen. Eins seiner zentralen, ganz unwissenschaftlichen Argumente für seine Weltsicht ist die Schönheit der Welt, wie sie durch das über Jahrmillionen vollzogene Wirken der Evolution geworden ist. Und den Titel des Buchs darf man auf den Autor beziehen: Er liebt die Dichtung, zitiert immer wieder Verse der angelsächsischen Klassiker, aber auch Gelegenheitspoeme von Verwandten und Freunden.

Richard Dawkins: Die Poesie der Naturwissenschaften. Deutsch von Sebastian Vogel. Ullstein Verlag, Berlin. 730 S., 38 Euro

Quelle: wa.de

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