„Das Prinzip Jago“ am Schauspiel Essen

Grell, provokant, skrupellos: Nick (Stefan Diekmann) zelebriert „Das Prinzip Jago“ und argumentiert mit einem Bild des russischen Präsidenten Putin. Aus der Essener Uraufführung. - Foto: Hupfeld

ESSEN - Er akzeptiert keine Grenzen, tobt über die Bühne und rennt ins Publikum. „Ich bleibe immer jung, denn zerstören verjüngt“, sagt Nick im violetten Anzug. Zwei Kameraleute begleiten ihn, drei Monitore geben die Bilder wieder. Und Nicks Erregungszustand ist eigentlich eine wuchtige und bedrängende Selbstaufgabe.

Die Uraufführung des Theaterstücks „Das Prinzip Jago“ startet mit Hochdruck. Der Erkennungssound der US-Serie „House of Cards“ ist zu hören. Und das Böse bei Shakespeare wird mit dem Bezug zum US-Drama-Format auf eine deutsche Bühne gestellt. Aufgepasst, ein ambitionierter Abend. Denn das Schauspiel Essen hat die Klassiker-Aktualisierung zugunsten einer Gesellschaftsanalyse hinten angestellt. „Othello wird das heute nicht mehr“, sagt Stefan Diekmann, der den Nick/Jago als Hasardeur gibt, der bei einem lokalen TV-Sender das journalistische Niveau unterläuft, um rechter Gesinnung Raum zu geben. Dass er sich am Chef rächen will, der ihm einen Posten verwehrte, bleibt ein Motiv aus „Othello“ und ist zweitrangig. Es geht in Essen vielmehr darum, dass klar wird, wie unaufhaltsam und umfassend „Das Prinzip Jago“ bereits unsere Welt verändert, verengt und brutalisiert hat. Oder: Weshalb implodiert die Menschlichkeit, wenn Flüchtlinge ins Land kommen?

In der Textfassung von Volker Lösch, Oliver Schmaering und Ulf Schmidt wird der „Etui-Mensch“ genannt, der bequem, häuslich und verwöhnt ist. Und wohl auch im Publikum sitzt. So ist der Grundton am Schauspiel Essen konfrontativ. Regisseur Volker Lösch will eine neue Form politisches Theater schaffen. Dazu inszeniert er Bildverfahren wie im Fernsehen, lässt im ganzen Theaterraum spielen und Nick aus dem Off sprechen, wie einst Frank Underwood in „House of Cards“, den Kevin Spacey spielte. Zentraler Ort dieses Total(bild)theaters ist ein Studio, wo die kleine Redaktion eines lokalen TV-Senders Programm macht. Nachdem das Team einen Preis für investigativen Journalismus bekommen hat, soll „Haltung“ gezeigt werden gegen Rechtspopulisten. Thomas Büchel spielt den Chef im Cordanzug, der ethische Standpunkte vertritt, aber introvertiert wirkt. Er ist kein Sympathieträger, dem man folgen muss – wie Othello.

Als eine Flüchtlingsdemo stattfindet, will das TV-Team live berichten. Letztlich kommt es zu gewalttätigen Ausschreitungen, ein Asylantenwohnheim brennt und Chaos herrscht in der Stadt – nur auf dem Monitor. Es soll uns von außen bedrängen.

Nick hatte seinen Kollegen Ben instruiert, Feuer zu legen, um gute Bilder zu erhalten. Thomas Meczele gibt den Buddy Ben gutgläubig und ergeben, weil ihm die Festanstellung winkt. Später wird er noch ein deutsches Kind entführen, so versucht Nick die Fremdenfeindlichkeit vor Ort zu schüren. Dass das Mädchen Lara in der Obhut vom Kollegen Christoph steht, der sich Sorgen macht, ist einer Dramaturgie geschuldet, die konstruiert wirkt oder das Prinzip US-TV-Drama abkupfert. Beides macht die Story wenig plausibel. Spieltempo, Karrierestreit und Nicks eiskalter Irrsinn erzeugen eine nur dünne Wahrhaftigkeit – manchmal sehnt man sich nach Thomas Roth.

Es gibt keine Figur, die einen mitnimmt. Die neue Kollegin, die mit dem Chef bereits verbandelt ist, und Tweeds (des.demona) von ihm bekommt, ist bei ihrer Live-Schalte überfordert. Jaëla Carlina Probst spielt die Anja mit humanem Herzschlag, die letztlich Opfer von Nicks Intrige wird. Er hatte einen Mitschnitt an eine AfD-Politikerin – Silvia Weißkopf ist bissiger als Frauke Petry – gesandt, die so Chef Ulrich vor laufender Kamera kompromittiert. Der gescheiterte Chef rächt sich an Anja hasserfüllt. Blut fließt nur auf dem Videobild. Dieser Mord hat im Theater die Qualität eines Standbilds. Zu vieles verwischt. Die Ausstattung von Carola Reuther zeigt ein TV-Studio wie bei ARD und ZDF. Die grüne Rückwand für digitale Bilder bleibt aber leer und höhlt die Bühne aus.

Das hochmotivierte Ensemble spielt wie aus einem Guss. Aber Regisseur Volker Lösch setzt zu sehr auf eine Überwältigungsdramaturgie. Der Sog seiner Inszenierung droht selbst die Interview-Begegnungen zu gefährden. In Videos (Markus Schmiedel, Daniel Frerix) kommen Flüchtlinge und ihre Betreuerin zu Wort. Yavuz Baydar spricht über sein persönliches Drama, das Ende des Journalismus in der Türkei. Und Interviews mit Essener Bürgern belegen, wie wohl sich diese Menschen mit fremdenfeindlichen Kommentaren in der Öffentlichkeit fühlen. Bitter.

Treffend ist die Analyse, wenn Löschs Team Zeitungstitel projiziert und den Gerüchte-Journalismus aufspießt. Wenn die Methoden der Rechtspopulisten seziert werden, wenn die Macht von Google und Co. angeprangert wird und Diktatoren von Putin bis Orban im Bild erscheinen. Aber Löschs Frontalunterricht setzt zu wenig auf die Erkenntnisliebe im Bühnenspiel, die braucht es auch.

8., 9., 28. Oktober; 20. November; Tel. 0201/8122 200

Quelle: wa.de

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