Paderborn zeigt Willi Baumeister und ordnet seine Museumslandschaft neu

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Muntere Abstraktion: Willi Baumeisters Gemälde „Phantom und gelber Tisch“ (1952) ist in Paderborn zu sehen.

PADERBORN - Wenige deutsche Maler nach dem Krieg haben so gemalt wie Willi Baumeister. Auf seinem Bild „Phantom und gelber Tisch“ (1952) wuseln seltsame Gebilde um ein großes schwarzes Feld mit etwas Rot und Orange, das irgendwie pflanzlich wirkt, mit einem winzigen Zweig und zwei Blättern oben, mit wurzelartigen Ausläufern. An dem gelben Fleck unten sieht man blaugraue Bruchstücke, die man als Arme deuten kann. Dieses Wechselspiel aus klaren Farben und spielerisch bewegten Formen erinnert an den großen Joan Miró. Man erkennt nichts in diesem Bild. Und kann sich doch eine Menge vorstellen.

Zu sehen ist das Gemälde in der Ausstellung „Die Lust am Unbekannten“ in der Städtischen Galerie in der Reithalle Schloss Neuhaus in Paderborn. Es ist eine richtige kleine Retrospektive, die vor allem mit Beständen des Kunstmuseums Bochum ausgebreitet wird. Zusätzlich hat Museumsdirektorin Andrea Wandschneider mehr als ein Dutzend Gemälde aus deutschen Museen wie dem Kunstmuseum Stuttgart und dem Museum Kunstpalast in Düsseldorf zusammengetragen.

So wird das Werk von Baumeister (1889-1955) überschaubar, angefangen mit dem „Flächenverhältnis“ (1920), einer Komposition aus Rechtecken, die wunderbar delikat mit Weiß- und Grautönen spielt. Und es mündet in die organischen Formen, diese visuellen Farberzählungen mit mythischen Titeln wie „Montaru“ und „Kessaus“, auf denen abstrakte Gebilde über die Fläche huschen wie seltsame Vögel und Insekten.

Baumeister hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg in der Galerie „Der Sturm“ ausgestellt. In den 1920er Jahren startete er eine internationale Karriere, lernte in Paris Fernand Léger, Le Corbusier, Amédée Ozenfant kennen, zeigte seine Bilder in New York. Das endete mit der Machtübernahme der Nazis, die seine Malerei als „entartet“ diffamierten und ihn aus seiner Professur in Frankfurt entließen. Baumeister blieb im Reich, malte weiter, konnte sogar in Rom, Basel, London ausstellen und war mit einer Anstellung bei der Wuppertaler Lackfabrik von Kurt Herberts materiell abgesichert. Und nach 1945 konnte er seine alten Verbindungen neu beleben und erhielt sogar wieder einen Lehrstuhl, diesmal in Stuttgart.

In Paderborn wird das Werk vor allem in Zeichnungen und Grafikblättern deutlich, die aus der Sammlung von Kurt Rehm stammen. Der Künstler, 1929 in Duisburg geboren, heute in Mülheim lebend, hatte bei Baumeister studiert. Und gerade die relativ kleinen Blätter zeigen, wie virtuos Baumeister zum Beispiel mit Kohle umging, die er wischte, radierte, durchrieb. In „Relief III“ (1949) zum Beispiel gibt er seinen Figurationen, die an Hieroglyphen und asiatische Schriftzeichen erinnern, dadurch eine Präsenz, dass der Betrachter meint, er könnte sie mit den Fingern ertasten. Und gerade an diesen intimen Blättern sieht man, wie Baumeister in den Jahren der NS-Diktatur konsequent seine ästhetischen Konzepte verfolgte. Eine wichtige Inspiration waren archaische und antike Mythen, Höhlenbilder, das Gilgamesch-Epos. Mag sein, dass solche Ewigkeitswerte Trost stifteten.

Die schöne Ausstellung markiert auch einen Neuanfang in der Museumsszene von Paderborn. Direkt gegenüber der Kunsthalle ist nun das Kunstmuseum der Stadt gelegen. Wo bislang eine Sammlung zur Ortsgeschichte und zum Schloss untergebracht war, neben dem Naturhistorischen Museum, wird nun auch Kunst gezeigt. Dafür wurde die Galerie am Abdinghof aufgegeben, hier soll im Gegenzug bis 2017 ein Stadtmuseum eingerichtet werden. 1,1 Millionen Euro hat die Stadt für die Umstrukturierung investiert. Das stärkt den Standort, der bislang die meisten Kunstfreunde anlockte.

Und so kann Andrea Wandschneider parallel zur Baumeister-Präsentation auch das eigenständige Werk von Kurt Rehm in einer Studioausstellung zeigen. Rehm arbeitet noch immer, täglich schafft er quadratische Scherenschnitte mit klaren, tänzerischen, zeichenhaften Formen, die auf schwarzem Grund montiert sind. Rehm verbrachte in seiner Kindheit einige Jahre in Japan. Das hinterließ Spuren in seinem Werk, sowohl in kleinteiligen Zeichnungen, in denen man asiatische Schriftzeichen als Bildelemente findet, als auch in den späteren, stark vereinfachten Blättern, die mit stark geschwungenen Linien meditative Zeichen in die Fläche bringen.

Vor allem aber können endlich auch Beispiele aus der Kunstsammlung präsentiert werden, die seit den 1970er Jahren aufgebaut wurde, und die neben umfangreichen Beständen von Werken regionaler Künstler wie Willy Lucas und Ella Bergmann-Michel und Robert Michel und dem Bildhauer Wilfried Hagebölling auch Grafik von Expressionisten wie Ernst-Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Emil Nolde, Otto Dix, und moderne Blätter zum Beispiel von Gerhard Richter umfasst. Unter dem Titel „Das bewusste Auge“ konfrontiert Wandschneider in einem Raum bewusst gegen die Chronologie Arbeiten verschiedener Epochen.

Baumeister bis 4.9., Rehm bis 28.8., di – so 10 – 18 Uhr,

Tel. 05251/ 88 10 76,

www.paderborn.de/

galeriereithalle,

www.paderborn.de/

kunstmuseum,

Katalog Baumeister 15 Euro,

Katalog Rehm 15 Euro

Quelle: wa.de

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