„Nude Visions“: Wuppertal zeigt Aktfotografie

Von Ralf Stiftel ▪ WUPPERTAL–Storchenbeinig stehen sie auf der Wiese. Die Arme spreizen sie geziert vom Körper. Seltsame Vögel, diese Anhänger der Freikörperkultur, die um 1930 einen Ausdruckstanz ausführen. Spaß scheinen sie gehabt zu haben, das verraten ihre lachenden Gesichter. Aber umständlich war es schon, Nacktheit in prüden Zeiten zu leben. Das Bild von Gerhard Riebicke ist im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal zu sehen, in der Ausstellung „Nude Visions“ – der dazugehörige Film „Wege zu Kraft und Schönheit“ wird auch gezeigt.

Im Kern ist die Schau eine Übernahme vom Münchner Stadtmuseum, das über eine exquisite Fotosammlung verfügt. 190 Abzüge, Drucke und Fotobücher führen durch die Geschichte der Aktfotografie von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. In Wuppertal erweitern zeitgleich entstandene Gemälde und Skulpturen der Sammlung die Perspektive. Wie sinnfällig diese Abrundung ist, zeigt eine der witzigsten Arbeiten am Eingang. Timm Ulrichs hat für seine Serie „Kunst und Leben“ (1978/1991) Szenen aus Pornoheften abfotografiert. Dabei wählte er Ausschnitte, auf denen Kunstwerke im Hintergrund sichtbar sind. Fast könnte man glauben, die anonymen Regisseure hätten unterschwellige Botschaften in ihren Geschichten unterbringen wollen. Vorn ist eine Darstellerin in Oralverkehr vertieft, dahinter hängt eine Südsee-Szene von Gauguin mit dem Titel: „Wann heiratest du?“ Auf einem anderen Bild nestelt sie an seinem Hosenschlitz vor Chagalls „Liebenden von Vence“.

In diesen Gebrauchsbildern ist Kunst sinnentleerter Hintergrund. Ursprünglich war sie Vorwand, den nackten Körper im Foto abzubilden. So gab es Fotoserien, in denen Aktmodelle die klassischen Posen des Zeichensaals einnahmen – das Foto ersetzte das lebende Modell. Ein Bildband von Gustav Fritsch von 1907 trägt den Titel: „Nackte Schönheit. Ein Buch für Künstler und Ärzte“. Man berief sich auf antike Skulpturen und nahm die Kulturgeschichte als Legitimation für Seh-Lust. Natürlich gab es auch den dokumentarischen Blick: Raimund von Stillfried-Rathenitz fotografierte um 1870 einen tätowierten Japaner und Sumo-Ringer.

Manche Fotopioniere wie Eadweard Muybridge beeinflussten die Kunstgeschichte – der in die USA ausgewanderte Brite hielt ab 1877 Bewegungsstudien in Serien fest, die noch Francis Bacon inspirierten. Daneben existierten Privatbilder, die zum Beispiel Vincenzo Galdi, Wilhelm von Gloeden und Guglielmo Plüschow aufnahmen, nackte Mädchen und Männer in sinnlichen Posen, allemal skandalträchtig. Plüschow, ursprünglich Weinhändler mit adliger Abstammung, floh nach privaten Skandalen 1910 aus Italien.

Doch um 1900 emanzipierte sich die Fotografie als künstlerisches Medium. Der Amerikaner Frank Eugene (Smith), ein ausgebildeter Maler, bearbeitete die Negative mit der Radiernadel, orientierte sich zum Beispiel in der Aktstudie „Adam und Eva“ (1898) am Helldunkel-Kontrast von Rembrandt und Caravaggio. Der Kritiker Hal Dane schrieb 1900, dass dieses Bild die Fotografie zur Kunst erhebe.

Nach 1920 entfaltet sich ein weites Spektrum an künstlerischer Aktfotografie. In der Ausstellung sieht man den kühlen Naturalismus einer Aufnahme des Malers Karl Hubbuch: Eine junge Frau im dünnen, transparenten Badeanzug (um 1930). Der Amerikaner Edward Weston zelebriert mit einer Liegenden am Strand 1936 eine sehr moderne Körperästhetik. Heinz Hajek-Halke zeigt mit einer Doppelbelichtung Tod und Eros auf einem Bild, indem er eine Gruppe Sargträger mit Frack mit einem nackten Körper unterlegt. Zwischen diesen Fotos wirkt ein Gemälde wie Christian Schads bis in die Adern unter der Haut durchgearbeiteter „Halbakt“ (1929) unauffällig. Sein Blick aufs Motiv ist fotografisch.

Die Fotografie entwickelt sich weiter. Um 1968 dient sie auch dazu, Aktionskunst zu dokumentieren. Stefan Moses lichtet 1967 den nackten Friedensreich Hundertwasser ab, wie er seine „Große Architekturrede“ vorträgt, nackt, ebenso wie Tilo Keil in der Ausstellung seiner Hautbilder, der sich von einem Herrn im Anzug gerade Feuer geben lässt. Es folgen neuere Positionen: Nan Goldins berühmte Aufnahmen aus dem Stricher- und Drogenmilieu. Die wunderbare Nahsicht auf die alte Dame Nina mit all ihren Falten und Runzeln, die Herlinde Koelbl 1996 aufnahm. Thomas Ruffs manipulierte Reproduktion eines Internet-Pornos.

Den Abschluss macht die Glamour-Fotografie: Schon in den 1920er Jahren wurden Revue-Tänzerinnen und Schauspielerinnen als Material für erotische Fantasien abgebildet. Die Ausstellung zeigt zwei der berühmtesten neueren Glamour-Akte: Aufnahmen aus Bert Sterns berühmter Serie mit Marilyn Monroe und Guido Mangolds Bild von Uschi Obermaier in Kamerun. Als Kontrast dazu sieht man André Gelpkes nüchterne Porträts von Stripperinnen auf St. Pauli: Die müden Blicke von Yvonne und Angelique verraten die harte Arbeit, die diese Frauen leisten. Der Betrachter erlebt so auf engstem Raum, wie Bilder einmal Illusionen produzieren und dann wieder entlarven.

Nude Visions im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal.

Bis 15.8., di - so 11 - 18, do bis 20 Uhr, Tel. 0202/563 6231

http://www.nude-visions-ausstellung. de; Katalog, Kehrer Verlag, Heidelberg, 25 Euro

Quelle: wa.de

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