„nicht schlafen“: Alain Platels Choreografie bei der Ruhrtriennale

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Schmerzhaft körperlich: Szene aus Alain Platels Choreografie „nicht schlafen“ bei der Ruhrtriennale.

BOCHUM - Es beginnt mit der Anbetung toter Pferde. Die bildende Künstlerin Berlinde de Bruyckere hat drei Kadaver als dominante Skulptur in den Raum gelegt, massive Körper mit vor Schmerz schreienden Tiergesichtern, mit blinden Augen, dargebotenen Bäuchen und Beinen. Davor stehen die Tänzer in Alain Platels neuem Stück „nicht schlafen“ bei der Ruhrtriennale wie in Anbetung, stumm herbeigewandert wie zu einem Ritual.

Daraus entwickelt sich ein zirka hundertminütiges Stück, teils Dystopie, teils Feier der aggressiven Kräfte des Menschen. Platel geht dabei von einer Parallele zwischen unseren Tagen und der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, dem Ende der alten europäischen Ordnung, aus und formuliert eine These von Chaos und der Kraft der Zerstörung.

Platel hat zum ersten Mal zu Musik von Gustav Mahler gearbeitet. Wie er Mahlers Schreckensfantasien und Himmelsvisionen, die zutiefst quälerische Innenschau der Sinfonien in Tanz übersetzt und zu einer Vision formt, ist manchmal großartig. Zu Beginn der Uraufführung in der Bochumer Jahrhunderthalle klingen Glocken, und der Hörer weiß nicht, sind es Gebetsglocken oder öffnet sich ein Alpenszenario (Mahler komponierte in den Bergen). Einer der Tänzer – es sind acht Männer und eine Frau – beginnt ein Solo. Durch den Abend hindurch präsentieren sich die Tänzer von Platels „les ballets C de la B“ furchtlos: tief individuelle Darsteller in einer schroffen Gefühlslandschaft.

Das Solo, eine Fusion von klassischem und Modern Dance, mündet in eine aggressive Gruppenszene: Die Tänzer schlagen, spucken, würgen wie Wrestler. Aber wenn sie aufeinander zulaufen, weiß der Zuschauer für einen Moment nicht: Wollen sie beißen oder küssen? In dieses Chaos hinein beginnt das berühmte Adagietto aus der 5. Sinfonie. Die Gruppe kommt zusammen, dehnt sich in die Weite. Der Kontrast zwischen den lyrischen Ausschwüngen der Musik und dem nachebbenden Chaos in der Gruppe entfaltet berührende Wucht.

So dichte Momente schafft Platel später kaum, die Szenen kreisen eher um sich selbst. Das greift zwar die Selbstzitate und Repetitionen in Mahlers Sinfonik auf, kommt aber dramaturgisch nicht weiter. Musik-Ebene und Tanz-Ebene arbeiten gegeneinander. Platel greift Mahlers Zitattechnik auf, indem er seine Tänzer im Raum verteilt und zum gleichen Thema unterschiedliche Bewegungen und Ausdrücke ausführen lässt, in einem flüssigen Wechsel von Breakdance und ironischen Ballett-Zitaten, von Hiphop, afrikanischer Polyzentrik und Tanztheater. Die Wandelbarkeit der Tänzer ist nur zu bewundern.

Er benutzt Voyeurismus als Stilmittel, will damit Empathie erzeugen. Aber das funktioniert nicht: Eher sieht der Zuschauer ein Dschungelhaus voller Urgestalten, die ungebremsten Instinkten folgend gewaltsam Nähe suchen. Die Aggression der Tänzer wird schmerzhaft hörbar. Über der Tanzfläche hängen Mikrofone, die das scharfe Klatschen von Hand auf Haut in den Raum verstärken.

Um das Spektrum zu öffnen und sich von der Zeitgebundenheit von Mahlers Musik zu befreien, nutzt Platel „Soundscapes“ des belgischen Tonkünstlers Steven Prengels und arbeitet mit zwei afrikanischen Sängern, die Mahler mit Polyphonie der afrikanischen Tradition anreichern. Gesänge führen in Kriegstänze hinein, zu denen die Gruppe mit Fußschellen Perkussion macht.

Es gibt ein gehäckseltes Scherzo, das nach Peitschenhieben klingt, und Sequenzen, remixt mit Geräuschen schlafender Tiere, die fiepen, schnauben und trillern und seltsame Kehllaute von sich geben, die nach Fürzen klingen. In freier John-Cage-Tradition lässt Platel seine Tänzer rülpsen: So wie ein Geräusch dem schönen Ton gleichberechtigt ist, sollen Gier, Wut und Hass im Menschen den so genannten schöneren Impulsen gleichgestellt sein.

Zu den Tierlauten ist Platel eine wunderschöne Sequenz voll trauriger Clownerie eingefallen: Ein Tänzer formt sich den anderen zurecht wie ein Federkissen und legt sich auf ihm schlafen.

Das lange Finale zeigt zum 1. Satz aus Mahlers Zweiter, der „Auferstehungssinfonie“, einen Wechsel von Leichentanz und Lebensfeier. Ein dünner Mann wird herumgereicht wie ein gefolterter Jesus: fallen gelassen, die Zehen wie bei einem Affenbaby beschnuppert, die Haut in dicken Falten vom Körper gezogen. Hier herrscht Chaos, das Platel formal nicht mehr in den Griff bekommt. Leider lässt sich Platel noch zu einem Höllenkitsch hinreißen, deutet Oralsex und Sodomie mit den Pferdekadavern an: der böse, teuflische Sex.

3., 8., 9., 10.9.,

Tel. 0221 / 280 210,

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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