Malerei von Bernard Frize im Museum Morsbroich

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Sieht aus wie gewachsen, sind nur ein paar Pinselstriche: Bernard Frizes Bild „Moro“ (2009).

Von Ralf Stiftel ▪ LEVERKUSEN–„Grasbilder“ nennt Bernard Frize seine aktuelle Serie. Große Formate füllen den Saal, 1,70 Meter hoch sind die Gemälde. Frize füllte sie mit vertikalen Streifen, einzelnen Pinselstrichen, und jedes dieser Bilder besteht aus einem Akkord von drei Farben. „Moro“ zum Beispiel beginnt oben knallig orange, wechselt in einen blaustichigen Grünton und endet mit lila. Gras sieht anders aus. Und doch vermittelt sich die Assoziation sofort. Gewaltige Halme könnten das sein an der Wand des Museums Morsbroich in Leverkusen.

Nichts läge dem 1949 geborenen französischen Künstler ferner. Seine Malerei will nichts zeigen, abbilden. Er will eigentlich nicht einmal malen im herkömmlichen Sinn. Einem Gedicht von Rudyard Kipling entnahm er die Zeile, die den Ausstellungstitel der Schau bildet: „And How and Where and Who“. Knapp 40 Arbeiten sind zu sehen in dieser ersten großen Werkschau in Deutschland seit der Präsentation im Westfälischen Landesmuseum Münster vor zehn Jahren. Sie bieten einen guten Querschnitt durch Frizes Arbeit, wobei der Akzent auf den aktuellen Bildern liegt.

Die Malerei betreibt Frize als streng rationales Projekt. Dabei verfolgt er eine Bildidee, bis er deren Möglichkeiten ausgereizt hat. Bei den Grasbildern (die Bezeichnung stammt von ihm selbst) geht es um vertikale Striche mit breitem Pinsel, der mit drei Farben bemalt wurde. Frize führt diesen Pinsel mit einem Strich, dreht ihn dabei, so dass die drei Farben übergangslos auf die Leinwand kommen. Anschließend wäscht er die Leinwand, so dass nur die getrockneten Farbpartien stehen bleiben. Dadurch entsteht der Eindruck von Transparenz. Für die Titel denken sich Assistenten Fantasiebegriffe aus, die er genehmigt. Frize will die subjektiven Momente aus der Malerei entfernen, von der persönlichen Handschrift bis in die Motivik. Er will sich nicht einmal für eine Farbe entscheiden, darum hat sein Pinselstrich drei auf einmal. Die Malerei wird so zum Laborbetrieb. Das Verblüffende daran ist, dass mit dieser Arbeitsweise Dinge möglich werden, die lange in der Moderne verpönt waren. Die Feststellung, seine Bilder seien bunt, dekorativ, ja: schön, fassten viele moderne Maler als vernichtende Kritik auf. Frize hingegen trifft das nicht. Er hat ja einen Plan.

Dem Besucher auf dem Schloss Morsbroich verschafft diese Freiheit ungewöhnliche Seherlebnisse. Das Gemälde „Sevel“ (2007) zum Beispiel irritiert die Wahrnehmung auf unglaubliche Weise. Die Leinwand ist überzogen mit einem Gewirr von Linien, die rechteckig angeordnet und in unterschiedlichsten Farben sind. Man hat die Anmutung eines U-Bahn-Streckennetzes, wobei die Linien sich irritierend überlagern. Aber je näher man diesem Bild tritt, desto unschärfer erscheinen die Linien, so sehr, dass der Betrachter glaubt, eine neue Brille zu brauchen.

Eine Serie von drei wandhohen Bildern aus dem Jahr 2009 will der Betrachter sofort als Darstellung von Vorhängen deuten. Dabei handelt es sich um Striche mit extrem breitem, mit mehreren Farben bemalten Pinsel. Mit trockenem Pinsel nahm Frize dann die nasse Farbe von der Leinwand auf und zog damit in einem Bogen über die Fläche. Eigentlich geht es nur um eine Überlagerung von Malbewegungen. Aber das Hirn sieht mit und lädt ein abstraktes Sujet mit Bedeutung auf.

Darum funktioniert Frizes Kunst so magisch, obwohl sie völlig rational entsteht: Der Entstehungsprozess lässt immer Wahrnehmungslücken. Das ist schon beim frühesten Bild so, „Suite Segond 2F“ von 1980, das aus Kreisen komponiert zu sein scheint, tatsächlich aber eine Collage aus den Häuten ist, die sich bilden, wenn man Farbdosen offen stehen lässt. Eine Bildserie scheint aus monochromen Blüten zu bestehen, die große Leinwände füllen, zum Beispiel das rote „Wig“ (2009). Dabei drückt der Künstler einen eingefärbten Rundpinsel auf die Fläche, und man sieht im Abdruck praktisch jedes Pinselhaar. Die Leinwand, so Frize, halte wie eine Reportage den Malvorgang fest. Bei „Vamco“ (2004) hätte der Maler eigentlich vier Arme haben müssen. Vier Spirallinien überlagern, durchdringen, verflechten sich so, dass sie gleichzeitig und in einem Zug geführt sein müssen. Das hat Frize natürlich mit Assistenten ausgeführt.

Das Einfache bleibt bei Frize einfach. Und doch arbeitet er mit profunder Kenntnis des Malprozesses daran, den Maler hinter den Bildern verschwinden zu lassen. Eigens für Leverkusen griff er eine ältere Bildidee auf und schuf eine raumfüllende Bildwand, „Oplontis“, die davon erzählt, wie sich im Pinselstrich die Farbe erschöpft, die ein unregelmäßiges, labyrinthisches Muster produziert, wie vom Computer geschaffen, voller hypnotischer Tiefe, mit einem Blick nicht zu fassen. Verwirrend schön.

Bis 7.11., di – so 11 – 17, do bis 21 Uhr,

Tel. 0214/855 560

http://www.museum-morsbroich.de

Katalog 25 Euro, im Buchhandel Verlag Hatje Cantz, Ostfildern, 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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