Das Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld wurde saniert

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Arbeitsmaterial für Kunst: Joseph Beuys’ Schlüsselwerk „Barraque D’Dull Odde“ (1961–1967) ist in Krefeld zu sehen.

KREFELD - Das hier hat Joseph Beuys einst selbst aufgebaut. Jede Flasche, jede Schachtel, jede Filzbahn und auch die Petroleum-Lampe wurde aber mittlerweile abgestaubt, gereinigt und sorgsam neu platziert. Rund 650 Einzelteile liegen auf den Brettern des Doppelregals und auf dem Arbeitstisch. Nun ist die Installation „Barraque D’Dull Odde“ (1961–1967) wieder zu sehen, wo sie hingehört: Im Kaiser-Wilhelm-Museum in Krefeld.

Der geschichtsträchtige Name täuscht: Das Institut steht vor allem für moderne Kunst. Sechs Jahre lang war das Haus geschlossen, es wurde umfassend saniert und restauriert. Hinter der Fassade des 1897 eröffneten historistischen Baus blieb wenig unverändert. Am Samstag wird es neu eröffnet. Gezeigt wird dann die Ausstellung „Das Abenteuer unserer Sammlung“, ein Konzentrat von 370 Kunstwerken aus einem 14 000 Exponate umfassenden Bestand.

Abenteuerlich in der Tat ist die Geschichte eines Kristallisationspunkts für zeitgenössische Kunst am Rhein. Seinen Rang verdankte das Haus jahrelang der Zusammenarbeit mit dem Fabrikantenehepaar Lauffs. Ab 1968 erwarb der damalige Museumsdirektor Paul Wember für sie moderne Kunst, die anschließend als Leihgabe ins Museum kam. Was gut und teuer war, Beuys, Yves Klein, Robert Rauschenberg, Richard Serra, kam so nach Krefeld. Leider nur auf Zeit: Walther Lauffs hatte seine Sammlung als Wertanlage geplant, nach seinem Tod zog Helga Lauffs die Sammlung ab, um sie versteigern zu lassen, fast 100 Millionen Dollar kamen zusammen. Immerhin: Der Werkkomplex von Beuys blieb als Schenkung dem Museum erhalten. Und weil Wember parallel auch für das Museum einkaufte, ist der Eigenbestand des Hauses immer noch hochkarätig. So sind hier Gemälde von Gerhard Richter und Sigmar Polke zu sehen, monochrome Tafeln von Yves Klein und eine Raumskulptur des US-Minimalisten Sol LeWitt, außergewöhnliche frühe Arbeiten von Andy Warhol, John Chamberlain, Robert Indiana und anderen.

Schon 1907 wurde Claude Monets Gemälde „Das Parlament, Sonnenuntergang“ (1904) erworben. Als 2006 feststand, dass das Kaiser-Wilhelm-Museum dringend sanierungsbedürftig war, weckte das in der Politik Ambitionen. Das Bild sollte versteigert werden und 20 Millionen Euro oder mehr bringen, genug für die Sanierung. Nach bundesweiten Protesten wurde dieser Plan fallen gelassen. Die Sanierung für immerhin 17,7 Millionen Euro trug die Stadt. Jetzt hängt der Monet in einem Raum mit den Bildern von Herbert Hamak, der Gemälde aus glatten, transparenten Kunstharzblöcken schafft. Seine „Komposition in Heliogengrün gelbstichig“ (2013), ein eingegossenes, durchscheinendes altes Landschaftsgemälde, korrespondiert mit dem atmosphärischen Abendhalbdunkel des impressionistischen Gemäldes. Auf solche Aha-Momente hin ist die Neupräsentation inszeniert. Krefeld zeigt nicht den chronologischen Rundgang durch die Kunstgeschichte. Hier sind Räume thematisch gestaltet, mit Sprüngen oft über Jahrhunderte hinweg.

Das Haus begann als Zwitter aus Museum und Denkmal. Lange erinnerte im Foyer eine Statue an Wilhelm I., nun ist sie neben das Haus geschafft worden. Aus Brandschutzgründen wurden die Treppen neu konstruiert und die offene Halle geschlossen. Tiefer gehängte Decken, die in den 1960er Jahren die Räume neutraler stimmen sollten, wurden entfernt. So wurden die großen Wandbilder von Johan Thorn Prikker, „Lebensalter“ (1923), wieder freigelegt. Auch diese Arbeiten haben eine Geschichte: Schon der damalige Direktor verbarg sie vor den Nazis, die „entartete Kunst“ verfolgten. In den 1960er Jahren wiederum empfand man sie als altmodisch und verbarg sie erneut hinter Rigips-Platten.

Aber das Haus ist weit entfernt vom einstigen Gemischtwarenkonzept, das Kunstgewerbe, Sakralkunst und moderne Malerei vermengte. Museumsleiter Martin Hentschel, ein Schüler von Beuys, setzt den Akzent in der Ausstellung klar auf die Moderne. Die alte Kunst kommt als Dialogpartner, als didaktische Ergänzung ins Spiel.

So sitzt der großköpfige Aluminium-Mann von Kiki Smiths Skulptur „Annunciation“ (Verkündigung, 2008) vor Derik Baegerts Altartafel der Heiligen Familie. Zwischen die Gemälde und die liegenden Tongefäße von Norbert Prangenberg sind ebenfalls spätmittelalterliche Heiligenporträts gehängt. Nicht immer gelingen diese Konfrontationen: Die vier abstrakten Bilder von Piet Mondrian hängen gegenüber einem Bild des US-Künstlers Peter Halley, das zwar in der Gestaltung der Fläche durch Rechtecke und Linien ganz ähnlich funktioniert, aber durch das größere Format und die knalligen Rot- und Orange-Töne den modernen Klassiker überstrahlt.

Exquisit ist auch der Bestand an Fotoarbeiten, zum Beispiel mit Werken der Becher-Schule, von Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth. Hinter der alten Fassade blüht neues Kunst-Leben.

Am Eröffnungswochenende 2. + 3.7. freier Eintritt.

„Das Abenteuer unserer Sammlung“ bis Februar 2017,

di – so 11 – 17 Uhr,

Tel. 02151/ 975 580,

www.kunstmuseenkrefeld.de

Bestandskatalog, Wienand Verlag, Köln, 45 Euro, im Buchhandel 68 Euro, Kurzführer 4 Euro

Quelle: wa.de

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