Julian Rosefeldts „Manifesto“ bei der Ruhrtriennale

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Cate Blanchett als Brokerin (Foto), als Obdachloser, Lehrerin und vieles mehr auf Großleinwänden: Julian Rosefeldts Installation „Manifesto“ in der Kraftzentrale Duisburg.

DUISBURG/BOCHUM - Ein großes Gerede wabert durch die mächtige, abgedunkelte Halle der Kraftzentrale im Landschaftspark Nord in Duisburg. Hier wirft eine Trauerrednerin den Verwandten gerade an den Kopf: „Ihr seid alle Idioten.“ Da verkörpert eine Börsenmaklerin den puren Optimismus: „Wir verherrlichen den Krieg, die schönen Ideen, für die man stirbt.“ Und ein sichtlich angetrunkener Obdachloser stellt die kühle Diagnose: „Die gegenwärtige Krise hat den Kapitalismus bloßgestellt.“

Zwölf Personen verkünden auf zwölf Leinwänden absolute Wahrheiten. Und jede steht in einem anderen Zusammenhang, von der Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage über die biedere Grundschullehrerin bis zur Geschäftsführerin. Alle diese Figuren verkörpert die australische Hollywood-Schauspielerin Cate Blanchett. Und den gewaltigen Raum für sie schuf der Berliner Künstler Julian Rosefeldt mit der Installation „Manifesto“. Die Arbeit ist im Rahmen der Ruhrtriennale zu erleben.

In den letzten Jahren hat sich das Festival immer mehr der bildenden Kunst geöffnet. Rosefeldts Arbeit passt in diese Linie. Der Künstler hat dafür Manifeste von Kollegen der großen Kunstströmungen seit 1900 ausgewählt und mit Blanchetts kongenialer Hilfe in neue Kontexte gestellt. Dass gerade die Börsianerin den Krieg, die Technik und den Fortschritt feiert, mit Worten bekannter Futuristen wie Filippo Tommaso Marinetti, bringt beide beteiligten Sphären in einen erhellenden Zusammenklang. Und ausgerechnet die Choreografin eines absurden Balletts mit als Aliens verkleideten Tänzerinnen erteilt dem Spektakel eine Absage. Das Vorspiel auf einer dreizehnten Leinwand stammt übrigens von Marx und Engels.

Rosefeldt sammelte Texte der Selbstfindung. Es sei ja bekannt, erläutert er, dass „je lauter ich brülle, desto unsicherer bin ich“. Es stecke viel Wut in den Texten, eine „schöne Energie“. Der Künstler sieht in seinem Werk gerade jetzt, in einer Epoche des neuen Populismus mit einer „besorgniserregenden Tendenz der Verführung mit Worten“, besondere Brisanz. „Manifesto“ zeige, „dass gebrüllt werden darf. Aber mit Sinn und Verstand!“

Die Zusammenarbeit mit Hollywoodstar Blanchett ergab sich zufällig, bei einem Treffen in Berlin. Sie verkörpert das breite Figurentableau virtuos, mit Humor und Perfektionismus, spricht zum Beispiel jede Rolle mit einem anderen Dialekt, den abgerissenen Obdachlosen, der mit Hund und Handkarren durch eine Industrieruine zieht, mit schottischem Zungenschlag. Sie spricht englisch, es gibt ein Heft mit Übersetzungen.

Alle Filme sind zehneinhalb Minuten lang, und an einem Punkt laufen sie plötzlich im Gleichklang, ein vielstimmiger Chor von Blanchetts erfüllt die Halle, um kurz darauf wieder in die Kakophonie zur zerfallen. Dann muss man wieder von Hörinsel zu Hörinsel vor den Leinwänden wandeln, um Cates Verkündigungen mitzubekommen.

Rosefeldts wunderbare Installation ist nicht die einzige Kunstarbeit der Ruhrtriennale. So hat der niederländische Künstler Joep van Lieshout sein Kunstdorf „The Good, the Bad and the Ugly“ vor der Bochumer Jahrhunderthalle um einige weitere Objekte erweitert, die die Auseinandersetzung zwischen Mensch und Maschine thematisieren. Zwei mannshohe Köpfe aus Drahtgeflecht duellieren sich im „House of Talking Heads“ mit Worten. Und das „Steam Hammer House“ ist ein pastellgrünes Haus in der Form eines Dampfhammers.

An den meisten Standorten werden auch die Ergebnisse von Foto-Meisterkursen gezeigt, die für talentierte junge Künstler aus dem Revier ausgerichtet wurden. Unter den Motti „Bude Bett Bargeld“ und „Licht unserer Tage“ bieten sie in Leuchtkästen in den Foyers ungewöhnliche Ansichten aus dem Revier.

Im Dortmunder Hafen wiederum kann man sich beim Projekt „well,come“ des „Office for subversive architecture“ in einer Art violetten Kunst-Container über den Kanal heben lassen. Die Arbeit thematisiert die gobalen Flüchtlingsströme, und wie die Flüchtlinge wird der Gast zum Transportgut, freilich in einer viel luxuriöseren Form, beschallt mit einer Komposition des Klangkünstlers Florian Kaplick aus Dada-Texten, informiert durch Leinwände mit Darstellungen der weltweiten Wanderungsbewegungen.

Manifesto im Landschaftspark Nord Duisburg bis 24.9., di – so 13 – 20 Uhr; The Good, the Bad and the Ugly Jahrhunderthalle Bochum bis 24.9., tägl. ab 13 Uhr; well,come Hafen Dortmund bis 24.9., sa 10 – 20, so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221 / 280 210

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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