Goldonis „Diener zweier Herren“ bei den Ruhrfestspielen

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Hoppla, es kommt die Suppe geflogen: Truffaldino (Markus Meyer) wirbelt zwischen Federigo (Andrea Wenzl, links) und Pantalone de´ Bisognosi (Peter Simonischek) in der Burgtheater-Inszenierung „Der Diener zweier Herren“ in Recklinghausen.

RECKLINGHAUSEN - Smeraldina hat genug. Erst stoppt sie den koketten Selbstmordversuch ihrer Herrin Clarice, die Federigo ehelichen soll. Dann wendet sie sich dem favorisierten Silvio zu, der zu seinem Liebesflehen immer auch die Waffe zückt. So ein Irrer! Und alles nur Getue, erkennt die Zofe und schiebt Silvio die Pistole cool in den Hals, dass die ganze Gesellschaft im Restaurant an der Lagune erstarrt.

Mavie Hörbiger spielt das Gothic-Girl in der Eröffnungspremiere der Ruhrfestspiele mit einer unspektakulären Kraft und Wucht, die die Machtverhältnisse in Goldonis „Diener zweier Herren“ kurz zurechtstutzt. Dass immer die Frauen die Dummen sind, während es die Männer treiben können, bringt sie in Rage. Schwänze ab, ist die Losung: „Ganz Venedig könnte im Blut gondeln“. Szenenapplaus im Großen Haus.

Carlo Goldonis Klassiker des italienischen Theaters wird in einer saftigen Textfassung von Jürgen Flimm, Marina Wandruszka und Werner Buhss vom Wiener Burgtheater aufgeführt. Zum 70. Geburtstag der Ruhrfestspiele zeigt „die Burg“ diese Koproduktion mit dem Festival gleich fünfmal in Recklinghausen, bevor die Inszenierung von Christian Stückl an die Donau zieht. Der Regisseur ist Leiter des Münchner Volkstheaters und Erneuerer der Oberammergauer Passionsspiele.

Also Volkstheater wird zum Auftakt des 70. Programms geboten, das mit 17 Uraufführungen, über 100 Produktionen und 300 Vorstellungen ambitioniert ausfällt: „Mittelmeer – Mare Nostrum?“ (Unser Meer). Und Regisseur Stückl gibt dem Affen Zucker, so konsequent zieht er amüsante Spielfiguren aus der Kiste.

Carlo Goldoni erneuerte im 18. Jahrhundert die Bühnenkunst Oberitaliens, in dem er die maskenhaften Typen der Commedia dell’Arte mit Charaktere der französischen Komödie entwickelte. Solche modernen Impulse sind in Recklinghausen nicht zu erkennen. Regisseur Stückl setzt ganz auf das komödiantische Vermögen der Burg-Darsteller. Markus Meyer dreht die Titelfigur gleich ruppig auf, als der Diener seinen „Herren“ in Venedig vorstellen will. Dabei gerät Truffaldino zwischen den Pantalone de’Bisognosi und Dottore Lombardi. Beide haben Tochter Clarice und Sohn Silvio verkuppelt und fühlen sich vom feisten Eindringling gestört. Dass der Ehekontrakt platzt, weil Clarice eigentlich Federigo versprochen ist, interessiert Truffaldino wenig. Markus Meyer schäumt den Diener auf, der nur an seinen Selbstbehalt („Ich habe Hunger“) denkt und mit dem zweiten Herren die Tageseinnahme erhöht. Es ist Florindo, der seiner Beatrice incognito nach Venedig gefolgt ist. Sie hat sich dort als ihr Federigo verkleidet, um ein Geschäft mit dem Pantalone abzuschließen, das ihr Bruder nicht beenden kann. Er wurde erschossen.

Diener Truffaldino hat beide Herren im gleichen Hotel, das Stefan Hageneier (Bühne) als zweiteiligen Speisesaal im 20. Jahrhundert lokalisiert. Schrundige Türen und verschmutzte Scheiben kennzeichnen den Substanzverlust Venedigs, das schon zur Zeit Goldonis an Größe verloren hatte. Peter Simonischek legt seinen Pantalone erwartet selbstgefällig und geldgierig an, ein alter Beißer. Johann Adam Oest spiegelt dessen Statusdenken mit dem Rechtsgehabe eines Dottore, der die Sprachkraft seiner Anwaltschaft ins Leere laufen lässt, ein honoriger Hektiker.

Dass Gefühle in der Theatergeschichte erst den Herrschenden vorbehalten waren, kolportiert Irina Sulaver als Clarice. Ihr gelingen schnulzige Posen. Liebe ist ihr Geschäftsfeld. Sie taktiert als Heulboje, schwenkt das rotblonde Haar und wird schnell „wuschig“. Auch ihr Silvio, den Christoph Radakovists zum Hysteriker aufschneidet, ist ein Hingucker. Aber in der Summe verliert Regisseur Stückl den dramaturgischen Überblick. Zwar erstaunen seine Figuren, aber insgesamt ist „Der Diener zweier Herren“ überhitzt. Selbst das herrlich chaplineske Spiel von Markus Meyer wird verpulvert, weil sich die Späße überschlagen. Irgendwann wundert man sich, dass bei soviel Einsatz nicht mehr Vergnügen rauskommt. Die Pointen brauchen Timing – auch im Volkstheater.

Ein Höhepunkt ist die Service-Szene, als Truffaldino beiden Herren Essen anreicht, zuwirft und hinspukt – Manieren, nein danke. Die Drehbühne wird zu einer Schwingtür für den Akrobaten Meyer und seinen Slapsticknummern. Bravo!

Wie verwegen und frivol Verführung sein kann, zelebrieren Meyer und Hörbiger, als ein Brief geöffnet und Smeraldinas Lust bildhaft angeregt wird. Die Herzensliebe ist dann Beatrice und Florindo vorbehalten. Andrea Wenzl spielt körperbetont und agil, kontert jeden Kerl und versprüht Leidenschaft nach ihrer Demaskierung. Sebastian Wendelin gibt das liebevolle Weichei, das unter Alkoholeinfluss am Leben leidet. Jeder zeigt seine Kunst. Viel Beifall.

5. – 7. Mai; Tel. 02361/92 180; www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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