Bis zum 12. Mai noch in Bochum, Essen, Hattingen und Herne

„Figurentheater der Nationen“ zu Gast im Ruhrgebiet

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"Moondog" dürfte die größte Marionette der Welt sein.

Bochum - Erst ist es nur eine Bewegung unter der Haut dieses meterhohen Bergs, während davor die Saxophonisten und Streicher ihre melodiösen Patterns spielen. Dann hebt sich auf einmal dieser autogroße Kopf. Ein Kingkong von einem Hund liegt auf der Bühne des Schauspielhauses Bochum. Offenbar wurde das Monster von den Klängen geweckt. Langsam dreht es sich zu den musizierenden Zwergen. Bis die ihre Instrumente ergreifen und fliehen.

Das „Figurentheater der Nationen“ (Fidena) sorgt für Rekorde. Der Hund in der ersten Eigenproduktion des Festivals, „Moondog“, dürfte die größte Marionette der Welt sein. Drei Spieler führen sie, nicht an Fäden, sondern an Tauen, mit der Hilfe einiger Aufhängemechanismen.

„Moondog“ war der Künstlername des Musikers Louis Thomas Hardin (1916-1994). Der in der Jugend bei einem Unfall erblindete Autodidakt trat in New York im Wikingerkostüm als Straßenmusiker auf, lernte da Strawinsky und Bernstein kennen. Später kam er nach Europa, die letzten Lebensjahre verbrachte er im Ruhrgebiet und erlangte Kultstatus. 

Festivalleiterin Annette Dabs konzipierte und inszenierte das „performative Konzert“ mit Hilfe des schwedischen Perkussionisten Stefan Lakatos, der bei Moondog das Spiel auf der „Trimba“ erlernt hat. Eine gute Stunde lang erklingen die melodiösen und eingängigen Songs. In ihnen trifft kammermusikalischer Ernst auf die Rhythmik des Jazz und der unverblümten Direktheit von Kinderliedern. 

Den Refrain von „Paris“ könnte man mitsingen, aber in den ausverkauften Kammerspielen sitzen offenbar viele Moondog-Novizen. Die Puppe aber raubt einem den Atem: Obwohl man die tragenden Drahtseile sieht, obwohl das zottelige Fell so erkennbar künstlich ist, lacht man über das aufgestellte Ohr, das nervöse Hecheln, fast als ob er das Lied mitheult, und der Blick aus den Glasaugen rührt mindestens so wie bei einem kleinen Welpen. Riesenapplaus.

30 Kompanien aus aller Welt sind neun Tage lang im Ruhrgebiet zu Gast. Hier erlebt eben nicht nur ein Fachpublikum den Stand der Dinge beim Figurentheater-Spiel, wobei die Grenzen sehr weit gezogen sind. Das Saigon-Wasserpuppen-Theater aus Vietnam bringt eine uralte Tradition hierher. Asien ist ein Schwerpunkt des Festivals.

Aber es gibt auch ganz andere Positionen. Ariel Doron aus Israel bringt den Krieg auf einen schlichten Tisch im Bochumer Theater Rottstr5, und er benutzt nichts als handelsübliches Spielzeug. Da ist ein niedlicher Stofftiger, der einen Plastikpanzer mit der Tatze auf den Geschützturm dreht, so dass der surrt und brummt wie ein auf dem Rücken liegender Käfer. Doron steckt sich kleine Plastiksoldaten auf die Finger und lässt sie marschieren und salutieren. 

Das Stück heißt zwar „Plastic Heroes“, aber Doron zeigt die Routine des Wachdienstes mit Pinkelpause und einer Daddelpause am Smartphone. Harte Action-Figuren mutieren zu dancefloor-versessenen Star-Anwärtern. Aber es gibt auch den Schrecken, den Tod. Der Künstler spielt virtuos mit den Emotionen der Zuschauer, zeigt ein Kriegsspiel mit Witz und Charme, das unvermittelt in Ernst umschlägt.

Technisch brillant ist die Produktion „Georges Méliès' letzter Trick“ des Theatre Drak aus dem tschechischen Hradec Králové im Essener Grillo-Theater. Méliès (1861-1938) war ein französischer Filmpionier („Die Reise zum Mond“, 1902). Fünf Akteure widmen dem Meister der Illusion eine ebenso witzige wie effektvolle Hommage. Méliès wird als alter Mann im Heim gezeigt, der seine Pflegerin veralbert mit Therapieverweigerung. Bis auf einmal ein Mann in Schwarz in seinem Zimmer steht: der Tod. 

Wie da Menschen in Waschbecken verschwinden, Hände aus Schubladen greifen, aus dem zimmer auf die Leinwand gehext werden, das ist ein atemberaubender Spaß. Puppen kommen auch zum Einsatz, mehr noch Objekte und Zaubertricks und einige Originalszenen aus Méliès-Filmen.

Das Figurentheater der Nationen läuft noch bis zum 12.5. in Bochum, Essen, Hattingen und Herne; Tel.: 0234 / 4 77 20, www.fidena.de

Quelle: wa.de

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