Expressive Architektur an Rhein und Ruhr: Fragments of Metropolis

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Klar strukturierte und charmant geformte Eckbebauung: Die Hauptverwaltung Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk, 1929, heute Hauptverwaltung Regionalverband Ruhr, Kronprinzenstr. 35, Essen. Entworfen von Alfred Fischer.

Utopie scheint in diesen Tagen ein Fremdwort aus früheren Zeiten zu sein, so bedrängend sind die gegenwärtigen politischen Probleme. Dabei lässt sich Utopie auch als Mut verstehen, einfach Neues zuschaffen. So pragmatisch hat das der Architekt und Bauhistoriker Christoph Rauhut zusammen mit dem Architekturfotografen Niels Lehmann erfahren. Beide widmen sich einem baugeschichtlichen Erbe, das Entschlossenheit und Zukunft einbezieht und das tatsächlich noch bestaunt werden kann – gleich um die Ecke.

Ihr Projekt „Fragments of Metropolis“ hat nach dem Auftakt in Berlin und Brandenburg einen zweiten Teil erfahren: „An Rhein und Ruhr“.

Und wer den Bildband mit 155 Bauten und Planskizzen durchsieht, darf ganz unbescheiden annehmen, dass „Metropolis“ tatsächlich im westlichen Ballungsraum der Republik liegen muss, sogar mit Beispielen aus Mönchengladbach, Gütersloh, Bielefeld und Bad Driburg. Aus Wirtschaftskraft und Zukunftsoptimusmus sind Gebäude geformt, die den tradierten Metropolen wie Hamburg, München oder Berlin etwas entgegensetzen. Und dabei lösen die Architekten der 1920er Jahre ihre Vorgänger mit expressiven Bauten ab, die nicht den Hochmut der Gründerzeit versteinern, sondern der Zukunft ein gebautes Bild verschaffen, das vor allem modern sein will.

Christoph Rauhut fasst die aufgespürten Gebäude nicht unter dem Stilbegriff „Expressionismus“ wie in Kunst, Literatur und Film zusammen. Er erkennt den „baukünstlerischen Ausdruck“ als ein epocheübergreifendes Ziel der Baumeister an, die noch bewusst mit Material und Konstruktion umgingen. So unterschiedlich die Gebäude auch sein mögen, sie sind alle vom „anspruchsvollen architektonischen Ausdruck“ getragen.

In der Industriestadt Essen formte Alfred Fischer, stilprägender Architekt der 1920er Jahre mit Bauten in Duisburg, Hamm, Castrop-Rauxel, Herne und Bönen, ein Verwaltungsgebäude für den Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk als autonomen Baukörper. Seine charmanten Rundungen haben in der hektischen Stadt eine entschleunigende Wirkung. Neben Star-architekten wirken aber auch Stadtbaumeister wie Ludwig Freitag, der in Oberhausen ein ganzes Stadtzentrum überplante und zu dem Verwaltungskomplex mit Rathaus und Turm einen gemauerten Höhepunkt setzte.

Paul Kahlfeld, Architekt und Professor an der Technischen Uni Dortmund, arbeitet in seinem Beitrag Unterschiede an Rhein und Ruhr heraus. In Bochum gab es beispielsweise einen „lokalen Protagonisten“, der als freier Architekt häufig gerufen wurde: Heinrich Schmiedeknecht. In Düsseldorf wurde Wilhelm Kreis für sein Ensemble am Rheinufer mit Ehrenhof, Tonhalle und dem Restaurant Rheinterrassen kritisiert, weil er mit immensen Materialeinsatz einem repräsentativen Stil der Vorkriegszeit nachgab. Da hatte es Alfred Fischer in Essen leichter, wo es weniger Traditionen gab und moderne Vorbilder gewünscht waren.

In dieser Zeit entwickelten sich neue Gebäudetypen wie das Wohnhochhaus und das Geschäftshaus. Max Krusemark entwarf 1927 das Geschäftshaus Lommel in Hamm. Krusemark setzt auf durchgehende Fensterbänder in den Sockelgeschossen und betont dann kühn die Vertikalen in dem exponierten Eckbau. Auch die Kirche trat mit expressiven Sakralbauten, nicht nur von Dominikus Böhm, als Bauherr auf. Josef Franke errichtete vor allem im Ruhrgebiet formstarke Gotteshäuser. Nicht nur im Backsteinexpressionismus, der ihm zugeschrieben wird, sondern auch mit Naturstein und Putztechniken, wie bei der Christus-König-Kirche in Oer-Erkenschwick. Zu seinen Privataufträgen zählt die Villa Andreas Ballin in Gelsenkirchen.

Die Gebäude sind ganz undramatisch von Niels Lehmann fotografiert. Ihr Charakter wird sachlich und wohltuend festgehalten. Der Eindruck entsteht aber auch deshalb, weil „Fragments of Metropolis“ dem abstrahierenden Stil und der banalen Investorenarchitektur unserer Zeit ein Gegenbild zeigt. Der Bauboom ab 1924, als die Inflation überwunden war, prägte Orte, Städte und schuf Identität an Rhein und Ruhr. Das Buch entdeckt historische Baukultur, die uns in zeitgemäßer Facon heute fehlt.

Ein detaillierter Index und Übersichtskarten in dem Buch lokalisieren die abgebildeten Architekturen – inklusive Bauten in Münster.

Christoph Rauhut, Niels Lehmann: Fragments of Metropolis. Rhein & Ruhr. Hirmer Verlag, München. 150 Abbildungen in Farbe, 30 Planzeichnungen, Kartenmaterial. 256 S., 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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