Emil-Schumacher-Museum Hagen zeigt Retrospektive auf Karel Appel

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In der tradition niederländischer Landschaftsmalerei: Appels Bild „Schwarze Wolken über der Stadt“ (1984).

HAGEN - Das Bild explodiert dem Betrachter ins Auge. Schon wegen des Titels: „Entflammtes Kind mit Reifen“. Und dann rührte Karel Appel einen Farbbrei in zwei Kreisen an aus lohenden Rot- und Gelbtönen, ein mehr als drei Meter hohes Geschmier, das schnell und kraftvoll den Betrachter überwältigt. Man meint eine Brille zu sehen in dem 1961 entstandenen Gemälde und einen im Schrei aufklaffenden Mund. Aber das sind vielleicht auch nur schwarze Linien, ein schwarzer Fleck, Farbe in Farbe.

Karel Appel (1921-2006) ist nicht mal ein unbekannter Maler. Kunstfreunden fällt sofort die Gruppe Cobra ein, zu der sich unmittelbar nach dem Krieg dänische, belgische und niederländische Künstler zusammenfanden. Appel war da Gründungsmitglied. Aber die Cobra (benannt nach den Hauptstadten Kopenhagen, Brüssel und Amsterdam) war in sich zerstritten, trennte sich 1951 nach nur drei Jahren. Und Appel malte danach noch mehr als 50 Jahre lang weiter.

Der Sohn eines Amsterdamer Friseurs entwickelte sich zu einem der wichtigsten Maler der Nachkriegszeit, und das, obwohl er keine Akdemieausbildung abgeschlossen hatte. Dass er sich 1942 bei der Rijksakademie einschrieb, sollte nur verhüten, dass die Deutschen ihn zu Zwangsarbeit verpflichteten. Aus Anlass des zehnten Todestages widmet das Emil- Schumacher-Museum in Hagen dem Künstler die Retrospektive „Der abstrakte Blick“, die in mehr als 40 Bildern eine Übersicht über das malerische Werk Appels bietet. Das Haus arbeitete dafür mit der Karel Appel Foundation in Amsterdam und dem Gemeentemuseum Den Haag zusammen. Appel war dem Namenspatron des Hagener Museums freundschaftlich verbunden. Und auch in der eigenwilligen, „wilden“ Auffassung von Malerei weisen beide Künstler Parallelen auf.

Anders als Schumacher arbeitete Appel aber nie völlig abstrakt. Seine expressiven Bilder haben stets Partien, die sich als Figuren, Gesichter, Landschaften lesen lassen. Die frühesten Arbeiten lassen noch ahnen, dass Paul Klee eine wichtige Bezugsgröße für den Autodidakten Appel war. Die „Vögel im Plural“ (1947) sind durch zeichnerische Pinselstriche über eine in geometrische Farbfelder unterteilte Fläche gelegt. Das Bild hat sozusagen zwei Sinnebenen, eine der Konstruktion, eine der poetischen Umdeutung. In dieser frühen Phase suchte Appel aber auch Anregungen außerhalb der Kunsttradition, besonders in Kinderbildern, wie man an Arbeiten wie „Kleines Hipp-Hipp-Hurra“ und „Nachtvögel“ (beide 1949) erkennt.

Die Hagener Ausstellung folgt nicht der Chronologie, sondern ordnet das Werk in thematischen Gruppen. Dadurch sieht man, wie Appel bei allen Wandlungen, allen Experimenten doch sein malerisches Vokabular nie aufgibt. Es ist erstaunlich, wie Appels Malerei in den 1950er Jahren ins große Format strebt. Da erkennt man ganz klar, dass der Künstler eben nicht einem Gruppenstil verhaftet war (den es bei Cobra sowieso nicht gab), sondern dass er im großen Spannungsfeld der gestisch-expressiven Malerei arbeitete. Der Pinselschlag, die auf verschiedenste Weise bearbeitete Farbmaterie wurden wichtiger als ein anekdotisches Thema. Appel malte seine eigene Version von Informel, allerdings immer mit figurativen Momenten, die in Bildern wie „Menschen in Aufruhr“ (1961) kaum noch auszumachen sind. Nur mit Mühe erkennt man in den Farbverwirbelungen des übermannshohen Querformats zwei Köpfe – oder glaubt sie sehen. Da nähert sich Appel den großen internationalen Meistern der Abstraktion, Jackson Pollock, Willem de Kooning, aber auch dem Art-Brut-Künstler Jean Dubuffet. Und natürlich Schumacher.

Das ändert nichts daran, dass Appel im Lauf seiner langen Karriere dann doch die Fragestellungen der Kunstgeschichte aufgriff und auf seine sehr eigene Weise beantwortete. Ein Raum versammelt Porträts, und das anderthalb Meter hohe Bildnis der Mutter (1963) ist, abgesehen von der Verfremdung der Farben, geradezu konventionell „erkennbar“. Ein Jahrzehnt zuvor fasst er ein „Porträt“ (1954) viel radikaler auf, setzt aus schrundigen Farbbatzen einen klobigen Kopf zusammen. Seine zweite Frau Machteld war Model, und so schuf er Anfang der 1960er Jahre eine Serie hinreißender Akte, ganz frei, ganz gelöst. Dem Thema blieb er über Jahrzehnte treu, 1985 spannt er einen liegende Akt in ein mehr als drei Meter breites Bild. Die Komposition scheint die Kunst Francis Bacons aufzugreifen, aber die Frauenfigur ist dann doch wieder aus wilden Pinselstrichen modelliert. Und ein später „Stehender Akt“ (2000) ist extrem reduziert, mit zeichnerischen Konturen und beruhigter Farbigkeit.

Er malte auch eine „Sintflut“ (1984). Und in „Schwarze Wolken über der Stadt“ (1984) knüpft er an die Tradition der niederländischen Landschaftsbilder an: Der Himmel mit den tänzerischen Wolkenknubbeln nimmt zwei Drittel der Bildfläche ein.

Bis 15.1.2017, di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02331/ 207 31 38, www.esmh.de, Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 29,90 Euro

Quelle: wa.de

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