Dave Goulson plaudert über Insekten in „Wenn der Nagekäfer zweimal klopft“

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Dave Goulson

Launig erzählen, das beherrscht Dave Goulson perfekt. Über Insekten weiß er die verrücktesten Dinge. Zum Beispiel, dass die Stinkende Nieswurz, die im Winter blüht, ihre Blüte anwärmt auf 6 Grad Celsius über der Umgebungstemperatur. Sie macht das, indem sie den Nektar gären lässt und Alkohol erzeugt. Goulson fasst in einer wunderbaren Zeile zusammen, was das für die bestäubenden Insekten heißt: „Glühwein für Hummeln“.

Der britische Biologe und Naturschützer hat ein angenehm verplaudertes Buch über die artenreichste Klasse der Tierwelt geschrieben. Zwei Drittel aller bekannten Pflanzen- und Tierarten sind Insekten. Dabei geht Goulson vom Privaten aus. 2003 hat er ein baufälliges Landgut in Frankreich gekauft und dort sein privates Naturschutzgebiet eingerichtet. Im Buch „Wenn der Nagekäfer zweimal klopft“ geht er sozusagen auf seine Wildblumenwiese und schildert, ausgehend von dem, was dort herumkriecht, -krabbelt und -flattert, Lebensweise und ökologische Zusammenhänge bei Käfern, Bienen, Fliegen.

Wen wundert es, wenn Goulson fasziniert die Wunder der Evolution beschreibt, zum Beispiel die auffälligen Flecken auf den Flügeln des Großen Ochsenauges, mit denen der Falter Fressfeinde abschreckt. Gerne und detailreich widmet er sich den exotischen Paarungsgewohnheiten der Kerbtiere, zum Beispiel der ausdauernden Kopulation der Libellen, die sogar als „Liebesrad“ fliegen. Oder wie beim Gescheckten Nagekäfer aus dem Buchtitel das Männchen zum Weibchen findet, obwohl die Tiere fast blind sind, ihr Geruchssinn schwach ausgebildet ist und sie, anders als der Mensch, auch nicht die Richtung von Geräuschen wahrnehmen. Sie fressen sich durch die Balken des Bauernhauses und klopfen auf der Partnersuche. Goulson spart auch unangenehme Zeitgenossen nicht aus, wie Bettwanzen, Blattläuse und Stubenfliegen.

Und er findet für biologische Sachverhalte immer wieder prägnante Formeln. Da gibt es zum Beispiel die Lichtnelken, die vom Antherenbrand befallen werden, einem parasitischen Pilz, der dafür sorgt, dass die Lichtnelkenblüte keine Pollen mehr produziert, sondern Pilzsporen. Bei Goulson heißt das dann, die Pflanze führe „nun ein Leben als Sexsklavin“.

Aber Goulson will nicht bloß mit bunten Biologie-Anekdoten unterhalten. Die sind bei ihm der Nektar, um eine ernste Botschaft an den Leser zu bringen. Und das ist eine drastische Warnung vor den Gefahren, die den meisten Insekten drohen. Ein Kapitel handelt von den fatalen Wirkungen von Pflanzenschutzmitteln auf die Bienen. Neonicotinoide, mit denen die Konzerne der Agrarchemie jährlich 3,5 Milliarden Dollar verdienen, müssen Bienen nicht töten. Auch weit unter der letalen Dosis schwächen sie zum Beispiel die Sinne der Tiere so, dass sie zum weltweiten Bienensterben beitragen. Und das Verrückteste: Der Einsatz der Mittel steigert noch nicht einmal die Ernten.

Ähnlich gefährlich für die Artenvielfalt ist die Zersiedelung der Landschaft, die dafür sorgt, dass nur noch kleine inselartige Räume übrig bleiben, in denen bestimmte Tiere und Pflanzen überleben können. Sie sind von Inzest bedroht.

Als warnendes Beispiel führt Goulson die Osterinsel an, einst bewaldet und ein paradiesischer Ort für die polynesischen Siedler, die sie vor 800 Jahren besiedelten. Aber sie gingen damit nicht gut um. Sie rotteten die essbaren Tiere aus, sie rodeten den Wald, um Ackerflächen zu gewinnen. Am Ende saßen sie auf einem verwüsteten Stück Land fest. Boote konnten sie nicht mehr bauen, weil es keine Bäume mehr gab. Sie hatten sich ihr eigenes Gefängnis geschaffen. Goulsons Fazit ist deutlich: „Je frühre wir aufhören, die Erde auszuplündern, desto weniger schrecklich wird unsere Zukunft sein.“

Noch schöner wäre das Buch, wenn es gründlicher lektoriert worden wäre. Dass der Philodendron kein Ahornstabgewächs ist, sondern ein Aronstabgewächs, fällt einem Laien wie mir höchstens zufällig auf. Für einen Wissenschaftler ist der Fehler hochpeinlich.

Dave Goulson: Wenn der Nagekäfer zweimal klopft. Deutsch von Sabine Hübner. Hanser Verlag, München. 320 S., 21,90 Euro

Quelle: wa.de

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