Die Ausstellung „Homosexualität_en“ in Münster befragt Geschlechterrollen

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Was verrät der Spiegel über den Knaben in der Installation „Das Experiment“ (2011) des dänisch-norwegischen Künstlerduos Elmgreen & Dragset? Zu sehen im Landesmuseum Münster. - Foto: Stiftel

MÜNSTER - Mario Montez führt die geschälte Banane an seinen rot geschminkten Mund. Er schnuppert und lutscht an der Frucht, und sein Blick aus geschminkten Augen sucht den Kontakt. Auch der unschuldigste Betrachter ahnt da, dass es in Andy Warhols Film „Mario Banana“ (1964) um eine ganz spezielle Art von Hunger geht. Nicht zufällig läuft der Streifen im Dark Room der Ausstellung „Homosexualität_en“, der erwachsenen Besuchern vorbehalten ist. Es ist ein Obstporno.

Das Landesmuseum für Kunst und Kultur in Münster klärt auf. Es zeichnet auf rund 1000 Quadratmetern mit 800 Exponaten eine Geschichte der sexuellen Abweichung nach. Die Schau wurde vor einem Jahr in Berlin erarbeitet vom Schwulen Museum und dem Deutschen Historischen Museum. Für Münster wurde sie umgestaltet, konzentriert, um regionale Aspekte ergänzt. Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, weist darauf hin, dass nicht am Rhein, sondern in Münster 1972 die erste westdeutsche Demonstration für Schwulenrechte stattfand. Und Anne Henscheid, Mitgründerin einer Lesbengruppe in Münster, ließ sich 1975 in der Frauenzeitschrift „Brigitte“ porträtieren.

Mag es auch viele rechtliche Verbesserungen geben fast bis zur Gleichstellung mit der Ehe, die Vorurteile gegen Homosexuelle leben fort, werden bei manchen Politikern gerade neu aufgebaut. Das Wissen hingegen ist limitiert. Die von Birgit Bosold, Dorothée Brill und Detlef Weitz kuratierte Ausstellung dokumentiert die Vielfalt der Lebens- und Liebesformen, die unter der Formel LGBTIQ (Lesbisch, Gay/Schwul, Bisexuell, Transidentifiziert, Intersexuell, Queer) zusammengefasst werden. Sie beginnen mit Videostationen, in denen Schwule und Lesben von ihrem Outing reden, zum Beispiel von dem Mann, der sich von seinen Eltern eine Bahncard wünschte, um oft vom Studienort Bamberg zu seinem Freund nach Berlin fahren zu können, und der sich unter dem Weihnachtsbaum outete, was für ein frostiges Fest sorgte. Der Blick geht zurück bis in Kaiserzeit und Weimarer Republik, letztere eine Epoche relativer Freiheit, mit Fotos zum Beispiel von händchenhaltenden „Soldatenfreunden“, „Damen-Imitatoren“ und „Herrenpartien“ in den Grunewald. Die Schau nutzt alle Medien, neben Fotos, Zeitschriften, Briefen auch Kunstwerke. Viele Künstlerinnen der Weimarer Republik waren in der Szene unterwegs. Jeanne Mammen zum Beispiel zeigt in einem Aquarell zwei versunken tanzende Frauen (um 1928). Ida Gerhardi, die ihre Jahre in Paris vor allem mit anderen Frauen verbrachte, zeigt sich 1907 im Selbstporträt mit Brille. Man kann noch viel tiefer in der Kunstgeschichte sondieren. Der niederländische Barockmaler Theodor van Thulden malte 1659 eine Allegorie auf Gerechtigkeit und Frieden, sicher ein politisches Sinnbild auf den Westfälischen Frieden. Aber es ist zugleich die Darstellung zweier nackter Frauen, die zärtlich Körperkontakt aufnehmen.

In der konzentriert gehängten Ausstellung gibt es viel zu entdecken, ein Foto der „Bartfrau“ Maria Baier (ca. 1930) zum Beispiel, die von der Polizei schikaniert wurde mit der Verdächtigung, „groben Unfug“ zu treiben, dabei wuchs ihr Bart einfach nur stark. Das Material bildet eine visuelle Parallelgeschichte, mit flirtenden Männern am Toilettenhäuschen (ca. 1930), mit nackten Ringern im Wald (1897), vom Fotografen Max Koch als „Modellstudie“ betitelt, mit Fotos von Bodybuildern aus den USA, die zum Beispiel am Strand an einem Ast zerren, dessen phallische Konnotation kaum zu übersehen ist.

Natürlich werden auch Verfolgung und Unterdrückung thematisiert: Wie die Nazis den Schwulen-Paragrafen 175 verschärften, Homosexuelle in KZ sperrten, zur „freiwilligen“ Entmannung zwangen, ermordeten. In der Bundesrepublik galt das NS-Recht fort, wurde 1969 entschärft und erst 1994 abgeschafft. Gerade in diesen Tagen nimmt die Politik in Angriff, die Verurteilten zu entkriminalisieren, das staatlich verübte Unrecht zu heilen. Die aufblühende Szene der Zeitschriften wird dokumentiert, von dem 1896 gegründeten Blatt „Der Eigene“ bis zum „l.mag“ und zu „magnus“.

Der Einsatz des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld (1868–1935) wird angesprochen, der sich für die Streichung des Paragrafen 175 einsetzte und vor dem Ersten Weltkrieg so populär war, dass Otto Reutter ein Couplet über ihn sang. Dass die Bewegung zunehmend selbstbewusster wurde, Witz und Kampfesgeist entwickelte, zeigen Filme vom schwulen Theater und Fotos vom Christopher Street Day, bei dem eine Lesbengruppe 1998 mit einem „Mösenmobil“ für Aufsehen sorgte.

Die Kunst spitzt viele Aussagen noch zu. Wunderbar die phallischen „Janus“-Skulpturen von Louise Bourgeois aus den 1960er Jahren. Die kanadische Künstlerin Heather Cassils bearbeitet den eigenen Körper, das eigene Ich wie eine Skulptur und trainierte sich in einem halben Jahr Muskeln an wie ein Bodybuilder. Ein Foto von Cassils Körper wirbt auf einem Plakat für die Schau. Je länger man hinschaut, desto schwieriger wird es, den Menschen sexuell zuzuordnen. Das dänisch-norwegische Duo Elmgreen & Dragset materialisiert Befürchtungen, die noch immer virulent sind, in der Skulptur „Das Experiment“ (2011), die am Eingang steht: Ein Schuljunge steht in Unterhose und Pumps vor einem Spiegel, die Lippen hat er offenbar gerade geschminkt. Wird da gerade ein Kind zum Schwulen umgegendert oder spürt es die ersten Gefühle? Heftig auch Julian Rosefeldts aufwendiger Film „Deep Gold“ (2013/14), eine 18-minütige schwüle Sex- und Drogenfantasie wie aus dem Hinterzimmer von „Cabaret“, eine Hommage an den Regisseur Luis Buñuel und ein wunderbares Spiel mit Realität und Illusion.

In einer Zeit, in der viel zu viele besorgte Bürger Ängste schüren und hegen, tut es gut, einfach mal hinzuschauen. Der Besucher von „Homosexualität_en“ findet keine Freaks, keine Abartigen. Nur Menschen mit eigenartigen Angewohnheiten.

Bis 4.9., di – so 10 -18 Uhr,

Tel. 0251/ 5907 201, www.

lwl-museum-kunst-kultur.de,

Begleitbuch, Sandstein Verlag, Dresden, 25 Euro

Quelle: wa.de

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