„Viele Unternehmer trauen sich nicht aus der Höhle“

SIHK-Präsident Ralf Stoffels fordert mehr Engagement

Ralf Stoffels, neuer Präsident der SIHK, hat schon viel bewegt. Die Spitzenfunktion schafft eine weitere Herausforderung.

Südwestfalen - Mal baut er als Katholik einen Kindergarten für die evangelische Kirchengemeinde, mal bewahrt er zwei denkmalgeschützte Häuser vor dem Verfall, indem er sie kauft und ihnen neues Leben einhaucht, dann wieder brauchen die Sportler – allen voran die Basketballer – eine neue Halle. Wo immer zupackende Hände und kreative Ideen gefragt sind, ist Ralf Stoffels zur Stelle. Dass der Unternehmer den finanziellen Gestaltungsspielraum gleich mitbringt, vereinfacht die Sache. Seit ein paar Tagen ist der 54-Jährige aus Schwelm Präsident. Die Südwestfälische Industrie und Handelskammer zu Hagen (SIHK) hat ihn gefragt, gezögert hat er nicht. „Wer an der Region interessiert ist, kann den Ruf nicht ablehnen.“

„Viele Unternehmer trauen sich nicht aus der Höhle“, sagt er. Seine Höhle hat Ausgänge in viele Richtungen: auf glattes Parkett, auf Sporthallenboden, aufs Altstadtpflaster, auf Maschinenhallen-Beton. „Du musst etwas bewegen“ lautet sein Credo, der Glaube ist dem bekennenden Katholiken Antrieb. Dass nicht nur Freunde hat, wer sich engagiert, steckt er weg. „Jetzt erst recht“, sagt er dann.

Die Menschen der Region vor Augen

Bewegt hat der Unternehmer schon viel. Dabei hat er immer die Menschen der Region vor Augen. Er weiß, dass mehr dazu gehört, sie vor Ort zu halten, als Arbeitsplätze. Das führt ihn zu den sogenannten weichen Standortfaktoren. Wenn er sagt: „Der Handel hat gute Chancen mit guten Konzepten zu überleben“, dann spricht er aus Erfahrung, erzählt von seiner Heimatstadt Schwelm. Dort ist er zwar nicht geboren – „mein Großvater war Landarzt, deshalb bin ich in Wegberg an der holländischen Grenze geboren“ –, aber dort zeigt er, dass man „mit verrückten Ideen Innenstädte wieder attraktiv machen kann“. Die Holländer, so findet er, seien fröhlich und kinderfreundlich und hätten einen interessanten Einzelhandel. Das habe er aus Wegberg mitgenommen, damit kokettiere er gerne.

Dieses „Erbe“ hilft ihm, seine Tätigkeit für die Industrie- und Handelskammer gleich zu gewichten. „Die Individualisierung, die uns als Industrie stark gemacht hat, müssen wir auch als Handel erkennen“, findet er, der über die Wirtschaftsjunioren dort hineingewachsen ist. Als also in Schwelm zwei Altstadthäuser zum Abbruch freigegeben werden sollten, hat er sie kurzerhand neu belebt – für Gastronomie und einen Geschenkartikelverkauf. Den hat seine Frau übernommen und damit die Aufgabe, ihn über den Alltag im Handel auf dem Laufenden zu halten.

Und weil Ralf Stoffels, Vater zweier erwachsener Kinder, auch gerne und gezielt Nachwuchsmusiker fördert, die er nachts über Crowdfunding-Plattformen ausfindig macht, hat sich daraus eine rege Kunst- und Kulturszene in seinem Restaurant an der Kirchstraße entwickelt. Und ein Straßenfest. Doch das ist eine andere Geschichte.

Begeisterter Hobbybasketballer

Diese Beispiele zeigen: Wer sich engagiert, sieht die Zusammenhänge. Deshalb ist es für den erfolgreichen Chef eines Ausbildungsbetriebes nur folgerichtig, den Nachwuchs zu fördern. Also hat der begeisterte Hobbybasketballer in Schwelm eine Sporthalle gebaut – mit der Stadt als Generalmieter. Auf den Trikots der „EN Baskets“ steht sein Firmenlogo. Auch hier kennt er, anders als viele Unternehmerkollegen, keine Berührungsängste. Viel zu häufig lehnten Betriebe jedes Engagement für Vereine mit der Begründung ab, da komme dann jeder. Darüber kann er nur den Kopf schütteln.

Dass es schön und befriedigend ist, soziale Projekte der Region zu unterstützen, Menschen zu treffen und gegenseitig etwas auf den Weg zu bringen – dieses Verständnis habe der Rotary Club gefördert, sagt er. Dort ist er für den Gemeindienst zuständig, dort hat er „viel über den Tellerrand geblickt“.

All das sieht er, der zur Entspannung gerne wandert oder segelt, nicht als Belastung, sondern als Bereicherung. Dafür wollte er etwas zurückgeben und hat der Stadt zu seinem 50. Geburtstag eine Stiftung für „Jugend, Kultur, Soziales und Stadtentwicklung“ geschenkt. „Man kann mitschwimmen oder sich einbringen“, sagt er schlicht. Und: „Mitschwimmen war nie mein Ding.“

Einstimmige Wahl

Dass so ein Typ der Richtige für den Präsidentenposten einer SIHK mit ihren vielen Mitgliedsunternehmen ist, hatte sein Amtsvorgänger Harald Rutenbeck früh erkannt und ihn bei einem „freundschaftlichen Treffen“ schnell überzeugt. „Ich hab’ eine Nacht drüber geschlafen, dann war die Sache für mich klar.“ Für die Vollversammlung der Kammer, dem höchsten Gremium, auch: Seine Wahl fiel in der vergangenen Woche einstimmig aus.

Individualisten zu einer starken Stimme einen

Als Lobbyist in Sachen Industrie und Handel sieht er sich nicht. Der Begriff ist ihm zu negativ besetzt. Eher schon als Aushängeschild für die drittstärkste Industrieregion Deutschlands, die aber noch nicht die Anerkennung auf dem politischen Parkett finde, die ihr zustehe. „Wir müssen die Individualisten zu einer starken Stimme zusammenführen“, sagt Stoffels. Denn immerhin tummelten sich in landschaftlich reizvoller Lage mehr als 150 Weltmarktführer. Nicht mit ihrer ganzen Produktpalette, aber schon in einzelnen Bereichen. Das werde akribisch gelistet. Zu einem festen Spitzenplatz auf dem Industrie-Treppchen gehörten auch vernünftige Rahmenbedingungen. „Sonst wandern die Unternehmen ab.“ 

Region brauche Arbeitskräfte

Vor allem aber brauche die Region Arbeitskräfte. „Jeder Einzelne im Arbeitsmarkt schafft Wachstum und garantiert den sozialen Frieden.“ Das Potenzial der Flüchtlinge müsse deshalb gehoben werden – und zwar deutlich schneller als bisher. Wie störend die bürokratischen Monster eingreifen, erlebt er im eigenen Betrieb. Die BIW Isolierstoffe GmbH in Ennepetal steht für die Verarbeitung von technischen Textilien und Silikonkautschuk für die Auto-, Bahn- und Flugzeugindustrie, sie steht aber auch für 450 Mitarbeiter aus 30 Nationen. Unter ihnen sind inzwischen vier Flüchtlinge. Doch nach erfolgreichem Praktikum hakt es für den afghanischen Kollegen, der längst einen festen Ausbildungsplatz haben könnte. Stattdessen wandert seine Anerkennungsakte von Jobcenter zu Jobcenter und dort von Stapel zu Stapel.

 Stoffels Positionen in den Verbänden haben immerhin erreicht, dass die Mappe inzwischen weiter oben liegt. Einen Sonderstatus im Betrieb gibt’s für Flüchtlinge aber nicht. „Das würde im Nationengemisch schlechte Stimmung schaffen.“ Dafür habe bereits die Politik durch ihre Katalogisierung nach sicheren und unsicheren Herkunftsländern gesorgt. „Für die Menschen vom Balkan, die hier neue Wurzeln geschlagen haben, heißt das: Ihr könnt gehen. Dabei werden sie gebraucht.“

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