Sonntag zu Gast in Kierspe beim Verein "Leben ohne Dich"

Anne und Nikolaus Schneider im Gespräch

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Anne und Nikolaus Schneider

Kierspe - Sie sprechen über ihr Leben und ihren Glauben: Anne und Nikolaus Schneider sind am Sonntag, 26. Juni, auf Einladung von „Leben ohne Dich“ zu Gast in der Margarethenkirche in Kierspe. Das Podiumsgespräch beginnt um 20 Uhr.

Vor zwei Jahren war Dr. Nikolaus Schneider im Amt als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und somit oberster Repräsentant von 23,4 Millionen Gläubigen. Dann erkrankte seine Frau Anne. Die Diagnose: aggressiver Brustkrebs. Wenige Tage später, am 30. Juni 2014, verkündete Nikolaus Schneider seinen Rücktritt, um ganz für Anne da zu sein.

Frau Schneider, Herr Schneider, wie haben Sie die vergangenen zwei Jahre erlebt? 

Anne Schneider, an der Seite ihres Mannes – hier im November 2014 bei einem Gottesdienst in der Kreuzkirche in Dresden. 

Anne Schneider: Als ich Ende Juni 2014 die Diagnose erhielt, stand für uns bald fest, was sie bedeutet: naher Tod oder ein Jahr massive Krebsbehandlung mit schwerer Chemotherapie, Operation und Bestrahlung. Grundsätzlich dachten wir, es wäre einfach toll, wenn Nikolaus viel Zeit hätte. Wir wussten von unserer Tochter Meike, was es bedeutet, jemanden während einer solchen Krankheit zu begleiten. Ich war sehr dankbar, dass Nikolaus mir die Priorität gab. Ein halbes Jahr ging es mir wirklich schlecht, aber schon an Weihnachten stellte sich heraus: Der Krebs ließ sich offensichtlich stoppen. Der psychische Druck in unserem Leben hatte abgenommen. Ich war kein Pflegefall mehr und wir konnten wieder relativ normal leben. Das hat auch meinem Mann wieder größere Freiheit gegeben. Wir nahmen schon bald wieder Anteil an dem, was politisch und kirchlich läuft. Und ich habe zunehmend gelernt zu zanken und zu widersprechen. Mein Mann nennt das Zusammenleben dann schwieriger. Ich bezeichne es als spannender.

Nikolaus Schneider: Ich war damals zunächst sehr erleichtert, dass es Klarheit gab. Ich konnte sehr schnell sagen, wie ich die Prioritäten setze – eben nicht mehr bei dem Amt, sondern im Privaten bei meiner Frau. Dabei bin ich auf sehr viel Verständnis gestoßen, sowohl im Rat als auch in der Öffentlichkeit. Nur wenige Stimmen sahen die Entscheidung kritisch. Mein Privileg war, dass der Ausstieg bis November in Schritten erfolgte. Ich konnte noch Termine wie eine Kirchenkonferenz wahrnehmen und bis zuletzt Ratssitzungen leiten. Aus dem Amt bin ich schleichend herausgegangen und nicht Knall auf Fall. Es war genau richtig, und ich habe mich bei dem Ganzen auch getragen gefühlt von meiner Kirche.

Sie sagten, bei Ihrem Entschluss hätten Kopf, Herz und Bauch übereingestimmt. War es demnach eine leichte Entscheidung? 

Nikolaus Schneider: Ja. Als meine Frau mir erzählte, welche Therapie vor ihr stand, war mir in allen Dimensionen klar, dass ich dieses Amt nicht weiter ausüben kann. Und zwar sowohl um meiner Frau willen als auch um des Amtes willen. Der Ratsvorsitz ist ein sehr herausforderndes Amt. Dabei muss man, wie man so schön sagt, den Rücken freihaben. 

Anne Schneider: Angenommen, ich wäre zehn Jahre eher erkrankt und Nikolaus wäre noch Präses in der Rheinischen Kirche gewesen, hätten wir uns fragen müssen, ob wir es uns finanziell leisten können und wollen, dass Nikolaus seinen Beruf aufgibt. Der Ratsvorsitz hingegen ist ja ein Ehrenamt. Es war für mich ein großes Geschenk, dass mein Mann die Prioritäten zwischen dienstlichen Pflichten und Privatleben jetzt anders setzen konnte. Unsere Form kann nicht als Muster für alle Ehepaare gelten. In meinem intensiven Behandlungsjahr wurde uns allerdings klar, wie schön es ist, die schweren und guten Stunden miteinander zu teilen: ausreichend Zeit für Pflege und Trost, aber auch ausreichend Zeit Restaurant- oder Theaterbesuche und kleine Reisen zu haben.

Sie sprechen offen über die Trauer um Ihre Tochter Meike, über Ihr Leben und Ihren Glauben. Manchen wäre all das zu privat. Warum ist es bei Ihnen anders? 

Privataudienz beim Papst: Vier Wochen nach seinem Amtsantritt empfing Franziskus im April 2013 das Ehepaar Schneider.

Nikolaus Schneider: Es hat sicher mit unserer Mentalität zu tun. Prägungen wie diese kann niemand lernen oder ablegen. Es ist unser beider Naturell. Dazu kommt: Ich habe immer Ämter bekleidet, schon als Pfarrer in der Gemeinde, die mit einer gewissen Öffentlichkeit unseres Familienlebens verbunden waren. Das Pfarrhaus ist ein offenes Haus. Bei uns sind viele Leute ein und aus gegangen. Wir waren es gewohnt, Privates in einer gewissen Öffentlichkeit zu leben – und zu erklären. Trotzdem haben wir immer darauf geachtet, dass es eine Grenze zum Intimen gibt. Es hat also mit Mentalität und mit der Konstruktion aus Pfarrhaus und Kirche und herausgehobenen Ämtern zu tun. 

Anne Schneider: Aber auch mit einer Überzeugung. Ich meine grundsätzlich, dass es Menschen besser geht, wenn sie über ihr Leiden reden können. Gerade auf den Krebsstationen von Meike habe ich erfahren: Wer alles in sich hineinfrisst, hat sehr viel größere Probleme. Es ist wichtig, sowohl Freud als auch Leid zu teilen. Theologisch kommt hinzu, dass eine Gottesbeziehung für mich keinen Sinn ergibt, wenn sie nicht im Alltag gelebt wird. Zum Glauben gehört hinzu, deutlich zu machen, wie man damit umgeht, wenn Gebete nicht erfüllt werden oder einem etwas widerfährt, von dem man denkt, es nicht verdient zu haben.

Nachdem Ihre Tochter gestorben war, haben Sie ihr Tagebuch veröffentlicht und selbst darüber geschrieben, wie Sie mit Ihrer Trauer umgehen. Welche Reaktionen gab es darauf? 

Anne Schneider: Betroffene Eltern fragten uns, warum wir das tun – und sagten gleichzeitig, es selbst nicht zu können. Sicherlich handelt es sich dabei um eine Mischung aus „nicht können“ und „nicht wollen“. Für uns ist es kein Opfer. Wir merkten, indem wir darüber reden, helfen wir uns und anderen. Unser Erzählen ist eine Einladung, sich selber den eigenen Gefühlen und Ängsten, der Trauer und Traurigkeit zu stellen und damit umzugehen. 

Nikolaus Schneider: Die Kurzformel lautet: Es hilft uns und es hilft anderen.

Woher kommt Ihr Glaube? 

Nikolaus Schneider: Bei mir war es eine Entwicklung. Los ging es in der Grundschule, wo ich biblische Geschichten hörte, die mich sehr interessierten. Meine Eltern hatten zwar gesagt, ich solle nicht am Religionsunterricht teilnehmen. Aber wie es 1954 so war, sagte die Lehrerin: „Setz dich hinten in die Ecke und lies ein Buch.“ Dabei war es nicht zu vermeiden, mitzuhören. Schließlich habe ich mich am Unterricht beteiligt. Auf dem Gymnasium ging es dann weiter. Der Klassenlehrer sagte meiner Mutter, religiöse Bildung gehöre zur Bildung hinzu. Mein Interesse war bestärkt. Entscheidend war dann der Konfirmandenunterricht. Ich wollte hin, weil auch meine Freunde hingingen. Aber auch, weil ich in einem Alter war, in dem man sich fragt: Wer bist du eigentlich, was willst du im Leben? Erst danach habe ich mich taufen lassen.

Was sagten Ihre Eltern dazu? 

Im Oktober erhielt Nikolaus Schneider von Bundespräsident Joachim Gauck im Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz für seinen Einsatz für soziale Gerechtigkeit.

Nikolaus Schneider: Sie haben meine Entscheidung toleriert, sie waren ausgesprochen großzügig und haben mich meinen Weg gehen lassen.

Anne Schneider: … obwohl sie nicht glücklich waren, dass er Theologie studiert hat (lacht).

Nikolaus Schneider: Das war für sie tatsächlich ein Schritt zu viel. Für meinen Vater gehörten viele Theologen zu den „Volksverführern“. Für meinen Glaubensweg gilt grundsätzlich: Zuerst ging es um Bildung, und aus dieser Beschäftigung heraus erwuchs Glaube. Hinzu kam die Begegnung mit vielen Menschen, die durch ihr persönliches Umfeld vermitteln konnten, was Glaube bedeutet. Ich hatte einen wunderbaren Pfarrer, der mich angeleitet und begleitet hat.

Anne Schneider: … und dann hat er mich getroffen (lacht). Wir haben dann zusammen erfahren, wie sich Glaube in seiner Form wandelt. Anders als Nikolaus bin ich in einer Familie groß geworden, in der die Existenz Gottes nicht infrage gestellt wurde. Die Art, auf diese Existenz zu reagieren, war jedoch sehr unterschiedlich. Meine Prägung und meine Erfahrung ist: Die Frage, was Gottes Wort konkret für das Leben eines Menschen bedeutet, ist wichtig, aber nicht eindeutig zu beantworten – auch nicht durch ein Studium der Theologie.

Wie hat sich Ihr Glaube verändert?

Anne Schneider: Ich glaube inzwischen, dass Kirche etwas Gutes und Wichtiges ist, Gott aber verschiedene Wege hat, Menschen zu sich zu rufen. Wir kamen aus sehr unterschiedlichen Elternhäusern und bemerkten beim Theologie-Studium, dass wir an der wissenschaftlichen Theologie gleichermaßen interessiert waren. Wie wir Glaube gelebt haben und leben, hat sich durch die Lebenssituation, das Alter und das, was einem widerfährt, verändert. Wir lesen morgens Losungen zusammen, halten Fürbitte für die Familie und die Welt. Trotzdem spüren wir eine Weite in uns. Einer unserer Schwiegersöhne ist nicht in der Kirche, ein anderer katholisch. Und es macht uns nichts aus. Wir erleben, wie viel wichtiger andere Dinge im Gegensatz zu konfessioneller Gebundenheit sind.

Bildet der Glaube die Basis für Ihre Liebe?

Nikolaus Schneider: Der Glaube gehört zu unserer Liebe hinzu. Er ist unverzichtbar. Anne Schneider: Ich hätte mein Leben nicht an Nikolaus gebunden, wenn er sich nicht für gewisse Fragen interessiert hätte. Eine Verliebtheit ist auch so möglich. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, mein Leben mit jemandem zu teilen, dem Gott egal ist oder dem Politik egal ist.

Sie stellen sich Gottes Welt als zeitlos und unbegrenzt vor. Woher stammt diese Vorstellung? 

Nikolaus Schneider und Bundeskanzlerin Angela Merkel im Juni 2014 beim Jahresempfang der EKD.

Nikolaus Schneider: Es hat damit zu tun, wie wir die Bibel verstehen. Aber auch damit, wie wir uns auseinandersetzen mit den Erkenntnissen von Wissenschaft in unserer Zeit. Daraus bilden sich solche Vorstellungen. Im Grunde ist es, wenn Sie so wollen, alles sehr stammelnd gesagt. Wie Gott ist und wie das Leben bei Gott ist, dafür haben wir nur Bilder. Das weiß kein Mensch und das kann man auch nicht wissen. Es ist eine Hoffnung. 

Anne Schneider: Als Religionslehrerin habe ich in der Realschule vor allem 15- bis 17-jährige Schülerinnen und Schüler unterrichtet. Klassische theologische Begriffe wie „Gott ist ewig“ wurden von ihnen immer wieder infrage gestellt: „Gott hat Himmel und Erde erschaffen, aber wer hat denn Gott gemacht?“ Sie mussten sich dann damit auseinandersetzen, dass „Unbegrenztheit“ zur Definition Gottes gehört.

Sie orientieren sich etwa an einer Bibelstelle, der Offenbarung des Johannes, Kapitel 21. Dort heißt es: Bei Gott werden alle Krankheit und alles Wehgeschrei überwunden sein. 

Nikolaus Schneider: Ja, es gibt dort dieses wunderbare Bild, dass Gott alle Tränen abwischen wird. Es ist ein Bild vollständiger Versöhnung und vollständigen Friedens.

Dennoch bleiben Fragen, die einem niemand beantworten kann.

Nikolaus Schneider: Ich denke, es gehört zu den Kennzeichen unserer beschränkten irdischen Existenz, dass wir Böses in der Welt kennen. Dass wir nicht alles begreifen können. Und dass wir nur begrenzt die Damen und Herren unserer Selbst sind. Es gibt Kräfte in uns, die auch uns beherrschen, nicht nur wir sie. Wir sagen Dinge, die wir eigentlich gar nicht sagen wollen und tun etwas, das wir eigentlich gar nicht tun wollen. In der Gegenwart Gottes wird es gewandelt. Daran glaube ich, auch an den Weg dorthin. Bei der Gerichtsvorstellung müssen wir alle Rechenschaft geben über die Art und Weise, wie wir gelebt haben. Ich bin überzeugt davon, es ist nicht beliebig, wie wir leben und nicht belanglos, was wir sagen, was wir denken und vor allem, was wir tun.

Herr Schneider, Sie sagten, Ihr Glaube habe nach dem Tod Ihrer Tochter eine „starke Delle“ bekommen. Wie sieht die aus? 

Nikolaus Schneider: Sie ist wie eine sichtbare Verletzung am Körper. 

Eine, die bleibt? 

Nikolaus Schneider: Die Verletzung wird weniger, aber es bleiben Narben zurück. Wir lernen zu leben mit den Narben, sie machen uns aus, sie gehören zu uns und werden Teil unserer Persönlichkeit. Sie sind nicht nur etwas Schlimmes und Schlechtes, sondern tragen auch zu unserer Entwicklung bei und zu unserem lebenslangen Reifen. Aber man soll es nicht schönreden. Es tut weh.

Bleibt Trauer dann nicht fester Teil des Lebens? Begriffe wie ein „Trauerjahr“ können den Empfindungen doch nicht ansatzweise gerecht werden. 

Nikolaus Schneider: Die Trauer um Meike bleibt. Und wir finden, die soll auch bleiben. Das ist die Art, wie Meike jetzt bei uns gegenwärtig ist. Die Dankbarkeit für die Zeit, die wir mit ihr hatten, wird jedoch immer stärker gegenüber dem Moment dieses schlimmen Verlustes.

Anne Schneider: Es gab ja eine Zeit, in der man sagte: Nach einem Jahr muss es dann auch gut sein – und man zieht andere Klamotten an. Die Rede war von Trauerarbeit, die jemand abarbeitet und dann hat sich die Sache erledigt. Ein Psychologe, der selber einen Sohn verloren hat, sprach einmal von der Trauer als Band, das ihn mit seinem verstorbenen Sohn verbindet und er deshalb gar nicht möchte, dass dieses Band zerschnitten wird. Ich glaube, viele verwaiste Eltern entlastet ein solcher Gedanke, wenn die Umgebung sagt: „Es muss doch jetzt auch mal gut sein.“ Den Tod von Meike haben wir massiver empfunden als den unserer Eltern. Diesen Abschied empfanden wir als ein Stück normaler, wir konnten loslassen. Manche empfinden es aber auch mit Vater, Mutter, Geschwistern oder Ehepartnern so. Man darf nicht vermessen sein und sagen: „Ein Kind zu verlieren ist das Schlimmste, was einem passieren kann.“ Es ist individuell. Für mich war es ein großes Glück, in der Trauer um unsere Tochter mit Nikolaus verbunden zu sein. Ich konnte in seinen Armen weinen.

Was haben Sie aus Ihrer Trauer gelernt?

Anne Schneider: Es ist wichtig, mit der Trauer weiter Dankbarkeit und Glück zu empfinden. Das ist das Ziel. 

Nikolaus Schneider: Wir haben die Trauer in unser Leben integriert. Und zwar so, dass sie uns stärkt – und nicht so, dass sie uns am Leben hindert.

Wie gelingt es Ihnen, in schweren Zeiten dankbar für das Gute zu sein? 

Nikolaus Schneider: Der Umgang mit Trauer, Verlust und Tod hat uns immer begleitet. Als Gemeindepfarrer empfand ich es als ein Privileg, sich mit diesen Fragen ständig auseinanderzusetzen. Ich hatte ein gewisses intellektuelles und emotionales Rüstzeug. Das hat mir geholfen. Die Erfahrungen mit Meike konnten wir dann miteinander bewältigen. Als Anne von der Krankheit betroffen war, hatten wir das Vertrauen zueinander, dass in unserer Beziehung jeder von uns beiden auch in einer solchen Situation nicht verloren geht. Wir wussten: Wir bestehen und finden eine Zukunft für uns.

Anne Schneider: In allem Traurigen, was uns widerfahren ist, geht es uns noch unendlich gut. Das wird mir etwa bewusst, wenn ich an eine Frau denke, deren Mann und beide Kinder verstorben sind. Es gibt Schicksale, bei denen ich nur still sein kann. Ich könnte dann nicht davon erzählen, wie wir mit Trauer umgehen. Wir haben noch zwei andere Töchter und Enkel, ich habe Nikolaus an meiner Seite. Unabhängig davon, was mein Glaube mir sagt, ist die Dankbarkeit stets größer als der Schrecken.

Herr Schneider, seit 2010 waren Sie EKD-Ratsvorsitzender. Was mochten Sie an Ihrem Amt? 

Die Schneiders 2010 nach der Wahl zum EKD-Ratsvorsitz.

Nikolaus Schneider: Das Amt bietet herausragende Möglichkeiten über den Glauben zu reden und Zeugnis zu geben. Ich will Zeuge des Glaubens in der Öffentlichkeit sein. Denn Medien hören ganz anders hin und sind auf andere Weise interessiert an dem, was wir sagen. Und das Amt bietet Kontakte und Erfahrungen. Ich bin interessanten und spannenden Leuten begegnet; manchmal auch solchen, die eine Herausforderung für mich dargestellt haben.

Frau Schneider, was mochten Sie am Amt Ihres Mannes? 

Anne Schneider: Letzteres. Ansonsten hat mein Mann das richtige Naturell für ein solches Amt. Er fühlt sich wohl und kann seine persönlichen Meinungen und theologischen Bewertungen besser zurückstellen als ich. Ich wäre zu zänkisch. 

Nikolaus Schneider: Das stimmt. 

Anne Schneider: Na ja, ich finde, dass die leitenden Geistlichen manchmal sehr gedeckelt werden. Auch Kirchenleitungen der Evangelischen Kirche meinen, es müsse einmütig über ethische Fragen beschlossen werden. Übrigens: Von vielen Begegnungen während der Amtszeit meines Mannes werden wir noch heute bereichert. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir als normale Pfarrfamilie nicht kennengelernt hätten, wie Papst Franziskus, den wir gemeinsam besucht haben. Ich bin aber auch froh über unseren „nicht-amtlichen“ Zustand jetzt.

Nikolaus Schneider: Darüber sind wir beide froh. Um aber auf die Kritik meiner Frau zurückzukommen: Ich halte es für eine Stärke unserer Leitungsvorstellungen, dass wir Leitung kollegial denken. Dabei muss man hinnehmen, das eigene Profil ab und zu zurückzustellen.

Das Amt ist Vergangenheit. Worauf konzentrieren Sie sich jetzt?

Nikolaus Schneider: Auf die Dinge, die uns beiden große Freude machen. Wir erleben einen entschleunigten Alltag ohne den herausfordernden Rhythmus, den das Amt mit sich bringt. Wir genießen, in Berlin einen Teil der Familie um uns zu haben. Ich kümmere mich zweimal in der Woche um meine Enkelkinder, das wäre vorher undenkbar gewesen. Es ist wunderbar. Die Entschleunigung unserer Existenz macht es möglich, das Gemeinsame sehr viel intensiver zu erleben. Es ist ein Qualitätssprung für unser beider Leben.

Schon vor der Krankheit planten Sie einen großen Italien-Urlaub. 

Nikolaus Schneider: Den machen wir jetzt.

Anne Schneider: Im September fahren wir. 

Nikolaus Schneider: Und Ende Oktober sind wir wieder da.

Warum Italien? 

Anne Schneider: Aus dem Kirchenkreis haben wir Freundschaften zu den Waldensern dort. Und: Italien gefällt uns. Die Menschen, das Klima, die Landschaft, das Essen. Unser Ziel war, wenn wir beide pensioniert sind, länger als drei Wochen zu fahren, die wir sonst in den Sommerferien hatten. Wir wollten immer mal ganz rund um den Stiefel. Als es vor zwei Jahren kurzzeitig so aussah, als würde ich vielleicht gleich sterben, dachte ich: Was habe ich denn eigentlich nicht gemacht im Leben? Anders als bei Meike hatten sich bei mir die meisten Wünsche erfüllt. Diese Italien-Fahrt war der eine Punkt auf der Liste, den ich bislang nicht verwirklicht hatte. Damals nahmen wir uns vor: Wenn ich wieder gesund werde, holen wir den auch noch nach.

Sie sind seit 1970 verheiratet, in vier Jahren feiern Sie Ihre Goldene Hochzeit. Zu diesen Anlässen wird oft nach dem Geheimnis der Ehe gefragt. Gibt es ein solches für Ihre lange Partnerschaft? 

Nikolaus Schneider: Das ist schwierig.

Anne Schneider: Sie merken ja, wir haben es nicht mit Geheimnissen. 

Nikolaus Schneider: Es ist bei uns eine glückliche Mischung von Übereinstimmung und Verschiedensein.

Hat das Ihre Liebe bestehen lassen?

Nikolaus Schneider: Ja, es hat sie lebendig gehalten.

Anne Schneider: Ich kann sagen, dass Nikolaus für mich noch ein Stückchen Geheimnis ist. Eine Beziehung zu Gott klappt nicht, wenn Gott für den Glaubenden alle Geheimnisse verliert. So ist es, denke ich, auch beim Partner. Nikolaus überrascht mich noch immer in dem, was er sagt und in dem, was er tut. Er ist auch für mich nicht berechenbar. Max Frisch hat es in „Stiller“ so wunderbar beschrieben. Dort heißt es, man dürfe sich kein statisches Bild vom anderen machen. Macht man dies, tötet es die Liebe. Wir haben uns immer einen Freiraum gelassen. Den braucht man bei Partnerschaften und auch in Beziehungen zu Freunden. Liebesbeziehungen sind ein Geschenk, erfordern aber auch Arbeit. Jeder muss offen sein, sich zurücknehmen, selbstkritisch bleiben und Humor haben.

Herr Schneider, gerade haben Sie eine Auswahl von Texten des Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch herausgegeben. Könnten Sie spontan etwas vortragen? 

Nikolaus Schneider: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit, mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit.“ Ein Leib- und Magentext, der mein Vertrauen darin zum Ausdruck bringt, am Ende wirklich gehalten zu sein. So soll der Grundton sein, bei allem was auch schwer ist: Vergnügt, erlöst, befreit.

Zur Person von Nikolaus Schneider

Nikolaus Schneider, geboren 1947, war von 2010 bis 2014 Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und von 2003 bis 2013 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Auch Anne Schneider, geboren 1949, hat Theologie studiert und lange als Religionslehrerin gearbeitet. Öffentlich machten sie zuletzt auch auf sich aufmerksam, als sie sich in die Debatte zum Thema Sterbehilfe einschalteten. Anne und Nikolaus Schneider leben in Berlin.

Zum Verein  "Leben ohne Dich"

Die Selbsthilfegruppe "Leben ohne Dich" wurde im September 2006 in Kierspe gegründet. In den vergangenen zehn Jahren konnten so etwa 70 Familien unterstützt werden. Ansprechpartner sind Heike und Uwe Krohn (Tel. 02359/6969) sowie Susanne und Klaus Ferlemann (02354/4817). Weitere Informationen, auch zu Gruppenabenden, gibt es im Internet auf der Homepage der Selbsthilfegruppe

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